Wers kennt, nimmt Kukident

Sie war ein fröhliches Kind, dessen hinreißendes Lachen jeden ansteckte. Manchmal sogar ihren Opa, meinen grantigen Vater.

G. war vier Jahre alt und lachte nicht nur viel, sondern redete sich auch um Kopf und Kragen. Sie fragte uns Löcher in den Bauch und dachte laut. Insgeheim war ich manchmal ein bisschen froh, wenn sie eine Redepause einlegte und - vielleicht zum Ersinnen weiterer Fragen über die Welt - genüsslich an ihrem Schnuller lutschte. Nach dem ollen Ding war sie süchtig. Zum Schlafen verlangte sie sogar zwei: einen noch in der Hand, als Reserve.

Eines Nachts würde die Schnullerfee kommen, wenn G. bereit war, ihrem "Nuni", wie sie ihn liebevoll nannte, zu entsagen und ihn vor dem Einschlafen vors Fenster zu legen, damit die Fee ihn mitnähme. Ein großer, schwerer Schritt für meine Tochter, den sie mutig wagte. Tatsächlich lag am nächsten Morgen an Nunis Platz ein quietschbunter Arztkoffer, den sie sich sehnlich gewünscht hatte.

In der Folge wurden alle - Eltern, Großeltern und Freunde - gewissenhaft von der jungen Medizinerin an Herz, Zähnen und Gebein untersucht. Was für ein Spaß! Und tatsächlich war der Schnuller bald vergessen.

Als mein griesgrämiger Vater eines Tages das Zimmer der angehenden Ärztin betrat, setzte er sich zur Untersuchung nicht zu ihr auf den Boden, seine altersgemäße Ungelenkigkeit oder / und seine Überheblichkeit ließen das nicht zu. Also stand er vor ihr, die wichtig eine runde blaue Plastikbrille trug. Sie erhob sich, um seine Zähne zu inspizieren. Ich beobachtete die Untersuchung, während ich vorgab, Wäsche zu falten.

"Mach mal den Mund auf, Herr Opa!" Beflissen schob die Ärztin dem vorgebeugten Patienten den Spiegel in den Schlund und stocherte darin herum. Erstaunlicherweise ließ mein Vater die Begutachtung gnädig über sich ergehen. Die Ärztin rügte ihn streng: "Du musst viel besser putzen und nicht so viel Pfeife rauchen. Sonst kommen Baktus und Karius." Herr Opa brummte. Ich grinste.

Gleichzeitig ahnte ich den weiteren Verlauf der Diagnostik. Und täuschte mich nicht. Plopp! Die großväterliche obere Zahnprothese, die schon lange locker saß, landete schwungvoll vor G´s kleinen Füßen... Stille legte sich über die Szene und über die Zähne. Die Züge meiner Tochter drohten indes vor Schreck zu entgleisen, ihr Kinn zitterte schon verdächtig.

Mit Lachen und einer - wohl etwas lahmen - Erklärung versuchte ich die Situation zu retten: "Wenn man die Zähne nicht immer richtig putzt, bekommen ältere Leute vielleicht irgendwann vom Zahnarzt neue Zähne zum Rausnehmen. Aber wenn die nicht passen, fallen sie manchmal aus Versehen raus. Hahaha!!!" Mein Vater überspielte die Peinlichkeit mit betretenem Kichern, während er schnell sein Gebeiß aufsammelte und sich zurück in den Mund stopfte.

G. blickte zunächst ratlos von ihm zu mir und zurück. Dann überzog ein leises Lächeln ihr Gesicht, das zu einem herzhaft schallenden Gelächter anwuchs und lange nicht aufhörte.

© Beate-Luise