Wie ich "Miss Frisia" wurde

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Wie ich "Miss Frisia" wurde | story.one

Nach vielen Jahren verbrachte ich mit 14 wieder mal den Sommerurlaub mit meinem Vater. Meine Mutter hatte sich noch vor meinem zweiten Geburtstag von ihm scheiden lassen. Seine Nachbarin kam mit uns nach Sylt. Praktischerweise war sie auch seine Geliebte und trug den erlesenen Namen Primula. Er war Anfang fünfzig, aber schon immer verschroben und kauzig gewesen. Wahrscheinlich eher verrückt. Leider nicht im humorigen Sinn.

Am zweiten Urlaubstag lernte ich am Strand ein Mädchen meines Alters kennen, das mit seiner Großmutter ebenfalls in Westerland urlaubte. Daniela und ich waren auf Anhieb auf einer Welle. Wir verbrachten die Tage in den Dünen, schwammen, sonnten uns, promenierten später durch die Friedrichstraße und aßen dort Eis.

Eines Nachmittags landeten wir im Café Frisia. Es war eine Art Kurcafé alter Schule, wo sich vorwiegend Menschen Ü 60 (oft mit Kindern oder Enkeln) die Zeit vor der musikalischen Kulisse einer altmodischen Tanzkapelle vertrieben. An diesem Tag stieg dort das Highlight der Saison: eine Miss-Wahl. Gekürt wurde die „Miss Frisia ´79“. Amüsiert beobachteten Daniela und ich das Spektakel, wenn auch mit gebührender Distanz. In meiner Erinnerung tanzten zumeist frisch ondulierte, etwa 16jährige Mädchen an der Seite talgiger Männer. Die Girls posierten danach mit einer Schärpe über ihren knisternden Polyesterkleidern zur Preis-Verleihung. Für uns sehr skurril, die Chose.

Wir verließen den Saal bald, um nach Hörnum im Süden der Insel zu trampen. Die Leute, die uns mitnahmen, luden uns zu einer Strandparty ein. Dort lernten wir auch deren Freunde kennen - natürlich vor allem Jungs. Wir hatten eine Menge Spaß. So oder so ähnlich ging das fast täglich.

Am Morgen nach der Miss-Wahl hätte mir mein Vater fast einen Strich durch einen weiteren vergnügten Tag mit Daniela gemacht. Ich bereitete mich im Zimmer der Pension gerade darauf vor, cremte mich mit Sonnenschutz ein und packte meine Strandtasche. Mein Vater fragte, wohin ich wolle und was ich vorhabe. Um seiner lästigen Neugier zu entgehen, phantasierte ich spontan: „Gestern bin ich zur Miss Frisia gewählt worden. Gleich ist ein Pressetermin mit Fotoreportern.“ Ich fand die Antwort wahnsinnig lustig und nahm an, dass er mich daraufhin in Ruhe lassen würde.

Irrtum! Wortlos änderte er seine Garderobe und zog ein weißes Hemd, dazu eine Krawatte an. Als ich unbemerkt aus der Tür huschen wollte, hielt er mich zurück: „Hier geblieben! Natürlich begleite ich dich. Wenn meine Tochter es nach einer Miss-Wahl mit Reportern zu tun hat, findet das selbstverständlich in Anwesenheit des Vaters statt.“

Innerlich wand ich mich, musste aber auch lachen, hatte ich doch genau das Gegenteil mit meiner Lüge bezweckt. Eitel, wie er war, rechnete er bestimmt damit, ebenfalls auf den vermeintlichen Fotos und dann in der Inselgazette zu erscheinen. Ich stahl mich dennoch davon und verbrachte wieder einen herrlichen Tag mit Daniela am Strand von Westerland.

© Beate-Luise 01.12.2019