Oh du Fröhliche...

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Oh du Fröhliche... | story.one

"Horch' vom Walde, da komm' ich her! Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr..."

Es ist die stille Zeit im Jahr, wo Ruhe und innere Einkehr stattfinden (sollen). Stattdessen kehre ich beim Punschstand ein, weil ich sonst das Gewusel auf den Straßen der Wiener Innenstadt nicht ertrage. Wenn du dich jetzt fragst: "Warum geht sie dann in die Stadt?" Dann ist dein Einwand vollkommen berechtigt und meine Antwort darauf: "Ich liebe es, durch die Stadt zu schlendern, die bunten Lichterketten zu beäugen und das Geglitzer und den Zauber der Adventszeit auf mich wirken zu lassen." Und der ist in der Innenstadt besonders hübsch. Außerdem besorge ich lieber die Geschenke für meine Neffen in "echt" statt online. Und natürlich für meine anderen mir wichtigen Lieben. Da nehme ich dann schon mal das Gedränge der Menschenmenge in Kauf. Gottlob gebe ich mir das nur zur Adventszeit. Ich laufe also durch die Stadt mit dem ersten Punsch intus und höre aus einer Seitengasse eine A-Capella-Version von "Oh du Fröhliche..." Es grenzt schon beinahe an ein Wunder ein deutschsprachiges Weihnachtslied zu vernehmen. Ich folge dem Klang der Stimmen, die mich verzaubern und halte mitten in meiner raschen Schrittfolge inne um zu lauschen. Ich bremse allerdings so abrupt ab, dass der Mann hinter mir "aufläuft". Ich finde kein geeigneteres Wort, denn er war offensichtlich so dicht an mir dran, dass sich das jetzt rächt. Er bleibt an meinem Fuß hängen und fällt über meine und seine Füße. Gekonnt fängt er sich und gleitet mit ein paar Schritten zurück ins Gleichgewicht, ehe er sich umdreht um festzustellen, wer ihm da ein Bein gestellt hat. "Da haben Sie sich aber gut darappelt" kommt es mir im breitesten oberösterreichischen Dialekt über die Lippen und gratuliere ihm. "Es tut mir schrecklich leid. Ich war von der Musik gefesselt und habe sozusagen ein Verkehrschaos verursacht." Die Wiedergutmachung wurde der 2. Punsch und ein sehr nettes Geplaudere während die ersten Schneeflocken anfingen vom Himmel zu tanzen. Ein Anblick, der an Kitsch nicht zu übertreffen ist. Für mich ist es immer dieser Zauber der ersten weißen Kristalle, die sich ihren Weg nach unten bahnen, um dann ganz schnell wieder zu vergehen. Ich strecke meine Zunge heraus und möchte unbedingt eine Flocke erhaschen. Dass mein Auftritt nicht gerade ein glanzvoller ist, bemerke ich an den Augen der vorübergehenden Passanten. "Mein" Fremder hat auch die Blicke der anderen erhascht und beginnt mit mir Schneeflocken zu fangen. So gibt es gleich zwei peinliche Darbietungen. Der Chor singt: "Lasst uns froh' und munter sein und uns ganz von Herzen freuen...". Und die Kinder in uns frohlocken und tanzen. Das Rundherum gerät in Vergessenheit und ich stelle fest, dass ich schon lange nicht mehr so unbeschwert und glücklich war. In Gedanken schwelge ich in meiner Kindheit und bin zutiefst berührt. Unverhofft kommt oft eine feine Begegnung zustande. Geschenke habe ich besorgt und Weihnachten kann kommen.

© Begegnungen_mit_Mehrwert 13.12.2019