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Anstatt bunt geschminkter Urlaubskarten

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Anstatt bunt geschminkter Urlaubskarten | story.one

Manchmal ist die kleine Bucht vor mir ganz still. Diese kleine Bucht, die ich schon seit Jahren immer wieder regelmäßig besuche, immer dann, wenn ich nichts Besonderes suche. Nur die Stille, nur die Ruhe, nur die Sehnsucht nach etwas, von dem ich nicht weiß, wie sie aussieht. Diese Momente, die mich hier erreichen, konnte ich in all den Jahren nie beschreiben, nie erklären, nie irgendwie zum Ausdruck bringen. Jedes Mal, wenn ich in der kleinen Bucht ankam, hatte ich ein Bild vor Augen, ein Bild, das sich nicht fotografieren oder malen lässt. Und so liege ich wieder einmal im weichen Sand der kleinen Bucht, bin, auch wie immer, nicht auf der Suche nach Bildern und sehe sie alle vor mir.

Heute ist die kleine Bucht vor mir wieder ganz still. Selbst die Möwen draußen über dem Meer und über mir am Strand, sie alle, die so majestätisch schön in der Luft gleiten können, haben aufgehört zu schreien. Sogar die Zikaden, die sonst immer im Pinienwäldchen oberhalb der Bucht ihre nicht enden wollende Symphonie üben, bleiben heute stumm. Das Meer malt Flächen in allen Blautönen, mal heller, mal dunkler, mal dezenter, mal mutiger, bis es an der Linie des Horizonts durch ein frischgeputztes Blau des Himmels, in hellleuchtender Leichtigkeit abgelöst wird. Und wenn kleine Wölkchen vor der Sonne tanzen, tauchen sie im Wasser vor mir auf, mal kleinere, mal größere Inseln. Inseln der Phantasie.

Keine Stunde gleicht der anderen. Ganz früh am Morgen legt sich die noch schläfrige Sonne auf das Meer, um den Morgentau langsam zu zerstäuben. Es ist ein lautloses Erwachen, nur die Gerüche der Pinien und Macchiasträucher flüstern miteinander. Das Sonnenlicht gleitet durch den Sand, erfasst die Felsen, die sich nicht wehren, durchflutet die Sträucher und Bäume, geht Schritt für Schritt behutsam von links nach rechts, bis es den gesamten Raum einnimmt. Von Minute zu Minute erscheint ein neues Bild.

Mittags wird die Stille fast unerträglich. Mal wabert die Hitze über dem trockenen Sand des Strandes, mal gleißt das Wellenspiel über dem Meer in irisierenden Farben, mal blendet der nasse Sand zwischen Erde und Wasser, wenn eine der seichten Wogen den Weg wieder zurück in die Tiefe des Meeres findet. Nichts bleibt beständig. Sogar die hoch im Zenit stehende Sonne gibt sich der Illusion hin, nicht mehr untergehen zu wollen.

Abends klettert der Tag wieder nach oben, langsam die Felsen hoch, an den Zweigen der Pinien. Bizarre Schatten beleben den Strand, sie ziehen ohne Groll die unausweichlich kommende Nacht hinter sich her. Die untergehende Sonne, die wie auf einer Bühne hinter den Horizont rollt, erweckt den Stein, der jetzt, bei Ebbe, seine vorwitzige Nase dem Himmel entgegenstreckt, zu neuem Leben. Irgendwann sehr viel später wirft der Sternenhimmel über mir Glanzlichter auf den ausgelegten Bühnenvorhang des Meeres.

Irgendwann, wieder daheim, werde ich gefragt, was ich erlebt habe. Dort am Meer in der kleinen Bucht. Nichts, werde ich antworten, nur mich selbst.

© Bernd Lange 2020-07-16

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