An der Moldau

Als ich eines Tages im schönen Krumau war, wo tief unter dem Schloss die Moldau eine gewaltige Schleife zieht, da beobachtete ich im gleißenden Sonnenlicht einen Buben, der am steilen Moldauufer barfüßig wie eine kleine Gämse auf den Ufersteinen auf und ab trippelte und verschiedene Dinge im Fluss auf die Reise schickte...

...mal ein Hölzchen, mal ein kleines oder größeres Blatt. Er machte das mit einer großen Geschicklichkeit und einer fast noch größeren Ausdauer. Er beobachtete jedes Schiffchen bei seinem mehr oder weniger weiten Wellengang. Keines seiner kleinen Boote schaffte es in die Strommitte, was er ja so gerne gehabt hätte. Alle strebten sie nach einer Weile wieder dem Ufer zu.

Es glich einer Übung für das zukünftige Leben des kleinen Knaben. Der "große Strom" nimmt nur allzu selten unsere Pläne, unsere Absichten mit auf die Reise. Immer wieder muss man es probieren, immer wieder muss man neu beginnen.

Aber das Spiel an und für sich hat doch so viel Schönes in sich. Nicht das Gelingen dessen, was man bezweckt, ist das Entscheidende am Versuch, sondern das Spielen selbst. Zumal wenn es mit einer Leichtigkeit und Anmut erfolgt, wie sie der kleine Bub in Krumau an den Tag legte.

Wie er da in der Nachmittagssonne herumhüpfte und sich nicht beirren ließ, wenn einmal ein Blatt, von einem Windstoß vertrieben, gar nicht seinen Weg ins Wasser fand. Wie er manchmal lachte und einmal - übermütig geworden - sogar ins Wasser stieg, das war so getragen von kindlicher Freude, von Unbeschwertheit und Entspanntheit, dass es ein Genuss war, ihm zuzusehen.

Der berühmte tschechische Komponist Friedrich Smetana hat der Moldau in einem wunderschönen Musikstück ein unsterbliches Denkmal gesetzt. Auch im Spiel des Knaben lag so etwas wie Musik. Die Musik der Kindheit, wenn Vieles noch so leicht ist, so wenig zielgerichtet und doch intensiv, so durchdrungen von tiefem Eifer und gespannter Aufmerksamkeit.

Irgendwann wird der Fluss des Lebens ein Boot, einen Plan, eine Absicht des jungen Erdenbürgers fließen lassen bis in die Strommitte, wird sein Bemühen weitertragen und mitnehmen auf die Reise, dort wo dieser Lebensfluss breiter, tiefer und ernster wird. Aus dem kleinen Spielchen unterhalb des Schlosses , wo alles noch überschaubar und wenig gefährlich ist, werden größere Herausforderungen und erwachsene Aufgaben, schwieriger als das, was ein Kind im Spiel probiert.

Aber gerade dieses Probieren, diese unbeschwerte Vorbereitung auf später, ist so wichtig für den Lebenserfolg. Durch das Senken seiner Blätter und Hölzchen auf die Fluten der Moldau lernte der Bub nimmermüde Zielstrebigkeit, aber auch, dass manchmal "der Weg das Ziel ist". Dass man nicht unbedingt etwas erreichen muss, sondern dass die lustige und faszinierende Beschäftigung genügt. Genügt, um zu lachen. Genügt, um mit allen Sinnen in einer packenden Betätigung gefangen zu sein.

Manchmal ist wenig notwendig, um ganz einfach Glück zu verspüren!

© Bernhard Fellner