Blau

Gedankenverloren stand ich an einer Haltestelle in der Innenstadt. Ich war 16 Jahre alt und hatte nichts Besonderes vor, außer nach Hause zu fahren. Obwohl es erst später Nachmittag war, dunkelte es schon und die vertrauten Geschäfte ringsherum glitzerten im hellen Vorweihnachtsschmuck genauso wie die festliche Straßenbeleuchtung.

Da begann es leicht und leise zu schneien. Keine dichten, großen Flocken, sondern kleine, sanfte. Mich überkam ein seltsames, tiefes Glücksgefühl. In diesem Moment erinnerte ich mich an ein nettes Mädchen, das ich kürzlich bei einer Tanzparty kennen gelernt hatte.

Unter dem Eindruck dieses schneeflockigen Glücksgefühls habe ich sie damals angerufen. Ob sie mit mir ins Kino gehen wolle? Sie wohnte in einem großen Eckhaus am Aumannplatz im ersten oder zweiten Stock. Ich wurde von ihrer Mutter sehr freundlich begrüßt und sie verabschiedete uns beide mit guten Wünschen für den gemeinsamen Abend.

Ich habe nur eine diffuse Erinnerung an das Mädchen. Seltsam und doch mit Freude verbunden. Ich weiß nicht mehr genau, wie ihr Name gewesen ist. Ich glaube aber, dass sie "Ulli" geheißen hat. Sie hatte braune, mittellange Locken und war noch sehr jung. Ulli hat etwas Fröhliches, Freundliches, ja in gewisser Hinsicht Strahlendes gehabt. Ich glaube, dass das von ihrer vollkommen ungetrübten Unschuld und Offenheit herrührte.

Wenn ich an diesen Abend denke, muss ich immer "Blau" denken. Dunkelblau. Dunkelblau und helle Lichter in der Stadt und der erste zarte Schnee des Winters.

Wir hätten Freunde werden können, aber wir wurden es nicht. Ich weiß heute nicht mehr, warum, aber ich finde es schade. Sie war wie ein geheimnisvoller, wunderbarer Raum, den ich betreten hätte können, aber es nicht tat. Es klingt etwas nach in mir von ihrer Fröhlichkeit und Offenheit. Sicher hat mich damals ein Hauch des Glücks gestreift, das ein anderer schenken kann. Ein Hauch, der in ihren braunen Locken verfangen war und aus ihrem freundlichen Blick sprach.

Die Erinnerung an diesen so lang zurückliegenden Abend ist da. Sie spaziert durch meine Gedanken, wie sie damals war: Dunkelblaues Kleid, dunkelbraune Haare, lachend, fröhlich. Was bedeutet es, dass das intensive Glücksgefühl schon vorher da gewesen war, als der Schnee zu fallen begann? Habe ich sie mit meiner guten Laune angesteckt - und hat sie mir diese zurückgegeben? Es war ein schöner Moment gewesen: Der Abend, der Schnee, die Sympathie...

Woran lag es, dass meine Stimmung nach dem etwas einfältigen Kriminalfilm nicht mehr so gut war? Das hatte, glaube ich heute, nichts mit dem Mädchen zu tun gehabt, sondern mit mir selbst.

Ich brachte sie nach Hause. Der erste frühe, weiße Schnee des Winters hatte die dunklen Gehsteige zugedeckt. Das große, schwarze, in Eisen und Glas ausgeführte Eingangstor zu ihrem Wohnhaus schloss sich hinter ihr und während sie die Treppe hinaufging, wehte der Wind die Schneeflocken an die Scheiben, sodass man nicht mehr durchsehen konnte.

© Bernhard Fellner