Das Tuckern der Fischerboote

Peynier ist eine kleine französische Gemeinde in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Sie liegt etwa 22 Kilometer südöstlich von Aix-en-Provence. Zu den Sehenswürdigkeiten gehört ein Renaissanceschloss aus dem 17. Jahrhundert.

Im Jahr 1977 verbrachte ich vier Wochen in den kühlen Mauern dieses altehrwürdigen Gebäudes, um in der Gesellschaft einer Gruppe von jungen Leuten Renovierungsarbeiten am Schloss durchzuführen, welches außerhalb der Ferien als Kinderheim diente.

Am ersten Wochenende nach fünf schweißtreibenden Tagen machten wir uns mit dem Autobus gemeinsam auf, die berühmte Hafenstadt Cassis am Mittelmeer zu besuchen. Sie befindet sich in einer Bucht der malerischen Calanques-Küste zwischen Marseille und Toulon.

Die jährliche Sonnenscheindauer beträgt hier ca. 3.000 Stunden und der Boden ist extrem trocken. Die Landschaft rund um den Ort wird von der immergrünen Gebüsch-Formation der Garrigue geprägt. Kermes-Eichen, Rosmarin, Felsenbirne und Schneeball wachsen dort - als Calanque wird ein enger, steilwandiger Küsteneinschnitt im Kalkgestein des Mittelmeeres bezeichnet.

Nachdem wir den Abend im romantischen Hafenviertel verbracht hatten, stellte sich die Frage: Wo übernachten? Erstens hatten wir ohnehin wenig Geld und zweitens waren alle Quartiere ausgebucht. So entschieden wir uns, auf den flachen Felsen der Calanques im Freien zu übernachten. Es sollte nicht unser Schaden sein:

In dieser Nacht schlief ich zwar schlecht... aber ich wurde mit dem eindrucksvollsten Sonnenaufgang, den ich je gesehen hatte, belohnt! Eigentlich war nicht die rote "Sonnengeburt" aus dem Meer das Faszinierendste, sondern das allmähliche Erwachen des Tages: Der türkisgrüne Übergang von der Nacht zum Tag. Es fing in der Nacht mit einem leichten, leisen Schimmer von Licht an, der an Stärke und Intensität langsam zunahm... bis die ersten Fischerboote aufs blaugrüne Meer hinaustuckerten - sie hatten alle eine brennende Laterne an Bord. Das Geräusch dieser Boote habe ich bis heute nicht vergessen. Es klingt mir noch im Ohr. Als es heller und heller wurde und das erste zarte Rosa am Horizont auftauchte, befanden sich die Boote schon weit draußen am Meer. Sie waren sachte hinausgezogen. Wie kleine Züge, die sich irgendwann dem Blick entzogen hatten - wie die Zukunft der kleinen Gruppe.

Den ganzen nächsten Tag verbrachten wir am Meer. Die Sonne brannte gnadenlos herab und die Vernünftigen unter uns flüchteten sich in den Schatten eines Felsüberhanges am Strand. Die Anderen bezahlten mit Sonnenbrand und Sonnenstich.

Auch ich machte einen groben Fehler: Als im Meeresbaden Unerfahrener unterschätzte ich vollkommen die fatale Wirkung der dort abseits der Hauptstrände in Unmengen lebenden Seeigel. Das endete dann am Montag beim médecin, der mir die Stacheln einzeln herausoperierte. Als er fertig war und ich "grâce à dieu!" stöhnte, hat er mich leicht erbost aufgeklärt, dies habe "rien" mit Gott zu tun!

© Bernhard Fellner