Der Isländer

Als wir an einem kalten, grauen und windigen Tag am Flughafen Keflavik in Island ankamen, mussten wir zunächst den FLY-Bus nach Reykjavik finden. Da wir anfangs in die falsche Richtung rannten, waren im Bus dann kaum mehr Plätze frei. Wir drängten uns also in die allerletzte Reihe und harrten der Dinge, die da kommen würden...

...es kam allerdings kein Ding, sondern ein... na, wie soll ich sagen? Es kam der Isländer. Obwohl praktisch kein Platz in der hintersten Reihe war, zwängte er sich genussvoll neben mich und schob noch ein bißchen mit den Schultern nach, damit alles seine rechte Ordnung hätte.

Er war nicht mehr der Jüngste und er trug eine schwarze, lederne Rockerjacke. Vom Typ her hätte man ihn einer isländischen Harley Davidson-Gang zuordnen können.

Heute fuhr er jedenfalls mit dem Bus. Sein Reisegepäck bestand aus einem Plastiksack, in dem sich Weinflaschen befanden und den er vorsichtig im oberen Busregal verstaute. Da ihm bei dieser Tätigkeit die offene Bierdose im Weg war, die er zwecks Stärkung mit sich führte, gab er sie mir kurzentschlossen zum Halten. Er war eigentlich - ich will es nicht verhehlen - ein Typ zum Fürchten, aber er hatte etwas Gutmütiges und war auch sehr gesprächig. Während ihn die anderen Fahrgäste deutlich schnitten, hatte er mit seinem linken Sitznachbar - also mit mir - ein williges Opfer gefunden. In gebrochenem Englisch erklärte er mir alle kleinen Städtchen, durch die wir fuhren und er erkundigte sich auch, wie es mich nach Island verschlagen habe. Der Isländer - meine überraschende Busbekanntschaft - war, was man mit einem plastischen Ausdruck als "Schluckspecht" bezeichnet. Er verdrückte auf der Fahrt ganz ungeniert zwei große Dosen Bier.

Eine Zeitlang hatte ich den Verdacht, er habe es auf mein Geldbörsel abgesehen, weil er sich gar so eng an mich drückte. Aber erstens hatte ich keines eingesteckt und zweitens suchte er ja wahrscheinlich nur menschliche Wärme. Menschliche Wärme - das war es eben, was einem Angeheiterten so gar nicht entgegenprallte in einem FLY-Bus. Wahrscheinlich in keinem Flughafenbus der Welt. In dieser Ansammlung von Geschäftsreisenden und Touristen war er mehr als deutlich der Außenseiter.

Natürlich war der Isländer etwas verhaltensauffällig und redete ziemlich laut. Die anderen Passagiere waren anscheinend froh, dass ich mich mit ihm beschäftigte und ihn bei guter Laune hielt. Aber auch ich profitierte von dieser Begegnung. Keinen der vielen Isländer, die mir in den nächsten fünf Tagen über den Weg liefen, habe ich näher kennengelernt als diesen etwas deplatzierten Flughafenbusgast, der hier von keiner großen Reise kam, sondern von einer kleinen, um seine Weinvorräte im duty free shop aufzustocken.

Als er ausstieg, überlegte ich, als ich ihm zuwinkte, ob er mich überhaupt noch beachtete, aber er rief mir ein fröhliches "happy holiday" zu, bevor er den Bus verließ und in seiner Welt verschwand und ich zurückblieb in meiner.

© Bernhard Fellner