Der kleine Buddha von Ikebukuro

In der Toshimo-ku, einem schmalen Gässchen in Tokyo, gibt es ein kleines Hotel. In einer winzigen Auslage knapp vor dem Eingang stand er: Der kleine Buddha von Ikebukuro.

Er war weiß wie Gips. Er hatte eine große, helle Glatze, deren drei Sorgenfältchen im Gegensatz zu seinem runden Gesicht und seinem freundlichen Äußeren standen. Seine beiden winzigen Augen waren kohlrabenschwarz und seine Lippen zart mit roter Farbe nachgezogen. Sein Mund war leicht geöffnet, sodass man seine obere Zahnreihe sehen konnte. Das Lachen - mehr ein Lächeln - wirkte sehr befreit und gelassen. Wenn man wollte, konnte man auch einen leicht spöttischen Ausdruck darin sehen.

Der kleine Buddha trug einen grauen Umhang - die weiße Brust und der Bauch waren aber frei. In der rechten Hand hielt er eine große, graue Feder, was offensichtlich die Gabe des Schreiberns symbolisierte. Über der linken Schulter hing ein gelber Sack - für die Geschenke, die er mitbrachte?

Neben dem kleinen Buddha thronte auf einem Regal ein bunt bemalter Elefant. Ich weiß nicht genau, welche Bewandtnis es mit dem Rüsseltier hatte. Ich habe gelesen, dass die Japaner dem Elefanten die Fähigkeit zuschreiben, alles verschlucken zu können - also vielleicht auch böse Gedanken oder Worte von Menschen, die an ihm vorbeigingen.

Zu Füßen des kleinen Buddhas ging es sehr profan zu: Da waren etliche Getränkeflaschen und eine blaue, geöffnete Dose. Offenbar hatte der kleine Buddha großen Durst!

Ja - die übergroßen, schweren Ohrläppchen hätte ich beinahe vergessen.

Ich will nicht behaupten, dass ich jedes Mal stehengeblieben wäre und meine Gebete vor ihm verrichtet hätte. Auch hat mich der kleine Buddha nie angezwinkert. Aber ich habe ihn doch beim Vorbeigehen registriert - ob er noch da wäre mit seinem verschmitzten Lächeln und seiner stoischen Gesamterscheinung.

Er hat mich frühmorgens begrüßt und in den Tag hinaus verabschiedet und spätabends müde empfangen und mir ein Lächeln mit in den Schlaf gegeben.

Er war keiner von der antiken und heiligen Sorte, wie wir viele gesehen und besucht haben. Er war nur ein kleiner, lieber Buddha in einem schmalen, netten Fensterarrangement.

Und doch war er mehr. Es heißt ja, "die Schönheit liege im Auge des Betrachters". Genauso lag die Bedeutung, die ich meinem kleinen Freund gab, in meinen Augen und durch mich, durch mein Betrachten und meine Gedanken über ihn ist er "lebendig" geworden.

Ich habe ihn natürlich dort zurücklassen müssen in der schmalen Toshimo-ku. Sicher ist er noch immer da und grinst auf die Straße und ich wünsche ihm, dass er noch lang dort steht. Gewiß bin ich nicht sein einziger Verehrer, denn die Toshimo-ku ist zwar schmal, aber es wohnen viele Menschen dort.

Auch denen ist er sicher ein verläßlicher Weg- und Lebensbegleiter, wie er dort steht - so heiter und gelassen; die Feder in der Hand und den Sack über der Schulter und diese ganz neuzeitlichen Fläschchen gegen den Durst nach so vielem zu seinen Füßen.

© Bernhard Fellner