Die "Vierte Welt"

Im August 1978 (Sigmund Jähn fliegt als erster deutscher Raumfahrer in den Kosmos) nahm ich an einem Hilfseinsatz des Bauordens - 1953 gegründet von Werenfried van Straaten, bekannt als Speckpater - zugunsten einer Organisation in Brüssel teil, die sich "Quatrième Monde" nannte: In Abwandlung von Troisième Monde (Dritte Welt). Sie hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Verhältnisse von Immigranten in Brüssel zu verbessern.

Sie besaßen ein kleines Häuschen im Zentrum von Brüssel, das stark renovierungsbedürftig war. Unsere Gruppe bestand aus zwei Holländern, zwei Italienern und der Rest kam aus Österreich. Da war ein Pärchen aus Graz, Monika - eine Vorarlbergerin -, Eva aus Schärding und fünf weitere Burschen.

Unsere Aufgabe bestand darin, die Wände und das Dach zu reparieren. Tapezieren und Anstreichen waren die Hauptarbeiten. Die Verantwortlichen von Quatrième Monde legten großen Wert darauf, uns ihren Geist und ihre Botschaft zu vermitteln. Wir trafen sie regelmäßig im großen Gemeinschaftsraum, um mit ihnen zu diskutieren. Ich habe aus dem Französischen übersetzt und es waren durchwegs sehr spannende Abende.

Natürlich kam das Vergnügen nicht zu kurz. Am Wochenende hatten wir frei und da machte halt jeder, wozu er gerade Lust hatte. Lust ist ein gutes Stichwort: Schon an der gare de l'èst, als ich die von Wien kommende Truppe abholte - ich war von der Schweiz angereist und Gruppenverantwortlicher - stach mir die lustige Monika aus LUSTenau ins feuchte Auge und ich habe mich sofort um ihren Koffer gekümmert. Im Laufe des Brüsselaufenthaltes sind wir uns passabel nähergekommen und haben sogar einen abenteuerlichen Wochenendausflug nach Brügge unternommen. Dabei wären wir fast in einem Autobahnkreuz verhaftet worden, wo uns ein Fahrer aussteigen hatte lassen.

Eva hat sich mit einem gar fleißigen Tiroler Handwerker zusammengetan, der durch seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz so manchen Durchhänger von Anderen ausglich. Alle drei Mädchen fungierten als unsere - hervorragenden - Köchinnen. Es gab eine eigene Küche und gegessen wurde im Gemeinschaftsraum.

Am Abend war unter der Woche "Chillen" angesagt. Wir spielten Basketball und Volleyball im Hof des Etablissements. Einige grenzwertige Streiche in der Stadt haben wir auch geliefert. Einmal erspähten uns aufmerksame Brüsseler Bürger beim Blumenpflücken im Stadtpark und hetzten uns einen Ordnungshüter an den Kragen.

Der Abschied fiel uns schwer. Zurück ging es mit dem Ostende-Express über Köln, wo wir einen kurzen Aufenthalt zu einem Dombesuch nutzten. Dann Mainz - Frankfurt - Nürnberg - Passau. Anschließend zurück über die österreichische Grenze und Schärding. Dort stieg Eva aus, die schon von ihren Eltern erwartet wurde. Ihre Mutter verteilte Schwarzbrot an die Weiterreisenden, die dieses in Belgien so rare Gut lange entbehrt hatten.

Monika ist dann in Linz auf die Westbahn Richtung Vorarlberg umgestiegen.

Und ja: Eva ist meine Frau geworden!

© Bernhard Fellner