Ein Blatt fällt im Herbst

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Ein Blatt fällt im Herbst | story.one

Dass Blätter im Herbst von den Bäumen fallen, ist selbstverständlich. Es ist ein normales Phänomen im Jahreskreislauf der Natur. Dass Renate so früh und so plötzlich gestorben ist, war alles andere als selbstverständlich oder vorhersehbar. Ich habe sie gekannt und doch viel zu wenig Gelegenheit gehabt, sie kennenzulernen.

Ich wusste von ihr, dass sie eine rührige Bookcrosserin war - eine Leitfigur in diesem Bereich. Unerreichbar fast ist die Anzahl ihrer registrierten, weitergegebenen, "gefangenen" und gefundenen Bücher. Sie war auch eine leidenschaftliche Geocacherin. Sie hat spät mit dem Marathonlauf begonnen und die ganze Welt bereist.

All das und jedes für sich wiesen sie als einen regen und rastlosen Geist aus, der auch das körperliche Training nicht vernachlässigte. Zusätzlich und parallel zu ihren vielen Abstechern rund um den Erdball hat sie unzählige Reisen zwischen den zwei Deckeln eines fesselnden Buches unternommen.

Sie hat auch eines von mir gelesen. Es war ein Buch über meine eigene Lebensreise. Ich kenne Freunde, die das Buch als "sehr ehrlich" bezeichnen. Renate hat nicht um den Brei herumgeredet und es durchaus drastischer be- und weniger euphemistisch umschrieben. Es hat mir eine leise Ahnung davon gegeben, dass sie an meinem Lebenslauf Anteil genommen hat. Sie hat mir jedenfalls die Möglichkeit gegeben, bei einem bookcrossing-Treffen daraus vorzulesen.

Es war eine Chance, die mir Renate spontan ermöglichte. So spontan, wie sie eben war. Einmal hat sie überraschend mit einer Freundin bei uns in Klosterneuburg vorbeigeschaut und da meine Gattin nicht zuhause war, durfte ich den "Alleinunterhalter" spielen. Aufgrund der unkomplizierten und offenen Art meiner Besucherinnen ist es eines der nettesten Treffen im Reihergraben geworden, an das ich mich erinnern kann.

In meinem Buch habe ich für den Lebensweg der Menschen die Metapher des Bahnfahrens und der Züge, in die wir ein- und aus denen wir aussteigen, gewählt mit all den Weichen, wo man sich für die optimale Richtung entscheiden muss und den Bahnhöfen, an denen man kurz oder länger verweilt. Wenn man Renates Schicksal in diesen Zusammenhang stellt, so kann man ihren raschen, viel zu frühen Tod mit einer plötzlichen, unvorhergesehenen Zugstragödie vergleichen. "Die Brücke am Tay" fällt einem ein, wo sich die Elemente gegen den Menschen verschwören...

Dass Blätter im Herbst von den Bäumen fallen, ist selbstverständlich. Man könnte meinen, jedes Blatt, das da gelb gefärbt herunterschaukelt oder von einem Sturm heruntergefegt wird, gleiche dem anderen. Aber wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass es nicht so ist. Manche Blätter sind "beschriebener" als andere. Manche haben mehr Kontur. Manche fallen verfrüht.

Nun ist aber mit Renates Tod nicht nur ihr Blatt vom Baum gefallen, sondern sie hat auch mit ihrem erfüllten Leben und nimmermüden Wirken den Boden, auf den es fiel, für zukünftiges Blühen und Gedeihen aufbereitet.

© Bernhard Fellner 22.09.2019