Fünf Semmerl

An einem ziemlich gewöhnlichen Montag - er lag allerdings in der letzten Woche vor Weihnachten - startete ich früh in meine Autowerkstatt, um eine Kleinigkeit reparieren zu lassen. Die etwas mühsame Wartestunde verkürzte ich mir mit einer dicken Hochglanz-Gazette, die wenig Weihnachtscharme versprühte. Stattdessen bemühte man sich sehr, den sogenannten Life-Style abzubilden.

Dann hatte das Warten ein Ende und das Problem war behoben. Meine Weihnachtsgrüße prallten beim Juniorchef deutlich ab. Aber der hatte sich in der Früh schon mit dem Kindergarten- und Schule-Bringen seiner Sprösslinge abmühen müssen, weil seine Frau krank war. Er war deutlich zu spät gekommen.

Fünf Semmerl mitzubringen, hatte mir meine Frau noch eingeschärft. Von den zwischen Autowerkstatt und Zuhause reichlich vorhandenen Supermärkten wählte ich jenen mit dem bequemsten Parkplatz aus und machte mich daran, meine Mission zu erfüllen. Ich muss gestehen, dass ich nicht sehr oft einkaufen gehe, sodass ich etwas verwundert war, dass ich die Semmerl mit einer Zange aus einer engen Lade fischen musste.

Als ich diese Herausforderung bewältigt hatte, blieb nur der Weg zur Kassa. Vor mir räumte eine Frau gerade ihren gegenüber meinen Semmerln doch deutlich üppigeren Einkauf auf das Band. Sie war noch nicht fertig, als ich mich mit meinem Semmerl-Sackerl näherte und kam mir in diesem Moment etwas nervös vor. Sie blickte sich um. Da ich sie beruhigen wollte, schenkte ich ihr ein breites Lächeln. Dieses hat sie spontan und herzlich erwidert.

Es war ein Beispiel dafür, wie wenig es kostet, Freude ins Herz zu kriegen. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Frau vor der Supermarktkassa ausgesehen hat. Ich habe sie nicht gekannt und auch nie wiedergesehen. Aber durch einen Blick und ein Lächeln haben wir uns verstanden. Aus einer anonymen Einkäuferin wurde jemand, dessen Freundlichkeit sich bei mir einprägte.

Das soll eine Weihnachtsgeschichte sein? Warten sie einen Augenblick! Als ich die fünf Semmerl im Kofferraum meines Autos untergebracht hatte - wo sie mir fast Leid taten, so verloren kuschelten sie sich in ein Eckerl - sah ich einen großen Christbaumstand am seitlichen Ende des Parkplatzes. Ein Christbaum musste her! Das Holzkreuz ließ ich noch extra am Baum meiner Wahl befestigen und dann verstaute ich auch die Tanne im Kofferraum. Die ging grad und grad hinein, aber an diesem Tag passte einfach alles. Ich hoffte, die Semmerl in ihrem Eckerl würden sich nicht vor dem riesigen Ding fürchten!

Der Baum landete dann so hinter dem Haus, dass ihn die Enkelkinder nicht zu früh sehen konnten. Ich gönnte ihm noch ein paar Tage in der kalten, frischen Winterluft, bevor... er hereingeholt, geschmückt und aufgeputzt wurde. Wenn ich dann vor ihm stehen würde, würde ich nicht nur an Weihnachten und alles Gute, was damit zusammenhängt, denken, sondern wahrscheinlich auch an ein mit Waren überfülltes Supermarktband und ein herzlich erwidertes Lächeln.

© Bernhard Fellner