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Gripsholm

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Gripsholm | story.one

"Es war ein strahlender Tag. Das Schloss, aus roten Ziegeln erbaut, stand leuchtend da, seine roten Kuppeln knallten in den blauen Himmel (...) es lag beruhigend und dick da und bewachte sich selbst." So beschreibt der bedeutende Publizist Kurt Tucholsky das Schloss Gripsholm im gleichnamigen Roman. 1929 hat der Schriftsteller mit seiner Freundin Lisa Matthias ein Haus in der Nähe gemietet und dort einen Sommer der Liebe verbracht.

Nun - als wir per Bahn und anschließendem Autobus in Mariefred eintrafen, stand unser Szenario in nichts dem literarischen Vorbild nach. Es war ein strahlender, warmer Augusttag. Schon von Weitem konnten wir das imposante, rötliche Schloss mit seinen charakteristischen und mächtigen, runden Türmen sehen. Es liegt auf einer Halbinsel am Mälarsee, dem drittgrößten See Schwedens, der eine Verbindung zu Stockholm und zur Ostsee hat.

Wir verbrachten sehr lange Zeit in den rings um Gripsholm liegenden, wunderbaren Gärten und genossen den tatsächlich vorhandenen Landfrieden. Im Gegensatz zu Stockholm, wo sich die Touristen buchstäblich gegenseitig auf die Zehen steigen, war es hier ziemlich ruhig und idyllisch. Man kann auch auf dem Wasserweg anreisen, das bedeutet jedoch bei einer Fahrt von Stockholm hin und zurück sieben Stunden am Schiff.

Das Innere von Gripsholm ist überaus prachtvoll und sehenswert. Der legendäre Gustav Vasa legte 1537 den Grundstein. Unter Gustav II Adolf wurden 1623 die Kanonen "Eber" und "Sau" nach Gripsholm gebracht. Gustav Adolf IV. wurde 1809 auf Gripsholm gefangen gehalten und unterschrieb hier seinen Thronverzicht.

Unter Karl XIV Johann wurde Gripsholm 1822 offiziell der Ort der Porträtsammlung des schwedischen Staates.

Unter den zahlreichen interessanten Porträts aller Stilepochen ist auch eines von Selma Lagerlöf zu finden - sie erhielt 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur und ist die Verfasserin der "Wundersamen Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen".

Am besten gefiel mir das reizvolle Selbstporträt der jungen Künstlerin Esther Ellqvist von 1910.

Wir kamen dann noch in den Genuss einer "Blauen Stunde" in Gripsholm. Alles wurde blau: Der tiefe Mälarsee, der weite Abendhimmel und die sanften Schatten der riesigen Linden rings um das Schloss.

Im nahegelegenen Mariefred verzogen wir uns zum Abschluss für eine Tee-Pause unter das Vordach einer hübschen, kleinen Konditorei. Das war unser Glück, denn alsbald brach ein kolossales Sommergewitter los. Es schüttete aus den berühmten "Schaffeln". Und es wollte auch nicht aufhören. Wir rannten als "Zwischenstation" zum Bahnhof der historischen Schmalspurbahn. Aber nur zum Unterstellen, denn die fährt nicht nach Stockholm!

Dann ließ der Regen nach und wir wurden mit einem großen, intensiven Regenbogen belohnt - vielleicht der imposanteste, den ich je erlebt habe.

Ein Glückszeichen - in dem Fall für den heißersehnten Bus, der tatsächlich und pünktlich um die Ecke bog.

© Bernhard Fellner 22.04.2019

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