In dieser Nacht

Die ehemalige Gersthofer Frauenklinik liegt am Abhang des Schafbergs in einer ruhigen, begrünten Gegend. Mittlerweile hilft man dort kleinen Erdenbürgern nicht mehr auf die Welt, weil das Spital in ein orthopädisches Krankenhaus umgewandelt wurde.

Aber ich war im Jahr 1953 hier genau richtig - beziehungsweise meine liebe Mutter Ingeborg war es. Am 1. Juli hat sie mich in dem stattlichen - im späten Jugendstil erbauten - Gemäuer das Licht der Welt erblicken lassen.

Nur vierzehn Tage vorher hatten sich in Ostberlin die politischen und wirtschaftlichen Probleme der DDR beim Volksaufstand vom 17. Juni entladen. In Wien ging es gottseidank weit weniger dramatisch zu: Paul Hörbiger sang am 2. Juni in seiner unnachahmlichen Art "In Wien da weht ein eig'ner Wind" - die Musik hatte Robert Stolz geschrieben.

Ganz in der Nähe führt die sogenannte "Vorortelinie" vorbei, die damals überwiegend für Lastentransporte genutzt wurde. Ich habe sicher schon in meiner ersten Erdennacht das Pfeifen der Lokomotiven gehört, denn es war eine Julinacht und die Fenster der Frauenklinik standen offen.

Ich lernte den Schafberg später gut kennen, wenn ich mit meiner Mutter und den beiden jüngeren Schwestern die "bis in den Himmel führende" Czartoryskigasse hinaufgegangen oder -gefahren bin: Zum alten Schafbergbad, zum Schlittenfahren und zum Spielen auf den schönen Schafbergwiesen. Zum Kastaniensammeln und zum Fahren auf dem bunten Ringelspiel...

Natürlich weiß ich nicht mehr, was ich in dieser ersten Nacht gespürt beziehungsweise geträumt habe. Mein dominantes Empfinden bezog sich sicher wie bei allen Neugeborenen auf meine Mutter. Ich habe in einem Schlafsaal mit den anderen Babys übernachtet und bin erst in der Früh wieder mit ihr zusammengekommen.

Da die allerersten Eindrücke die einprägsamsten sind, wird das Pfeifen und Fauchen der imposanten Dampflokomotiven in dieser Nacht nachdrücklich in mein Bewußtsein gedrungen sein. Vielleicht ist es eine Erklärung für meine spätere Affinität zu allem, was mit Eisenbahnen zu tun hat.

In dieser Nacht machte ich mich auf die größte Reise, die ein Mensch unternehmen muss und die ihm auch niemand abnehmen kann: Auf die Reise meines Lebens. Wie viele Stationen und Bahnhöfe würden auf mich warten? Wie viele entscheidende Weichenstellungen würde ich treffen müssen? Wer würden meine Reisebegleiter und "Compartiment"- Bekanntschaften sein?

"So viele Züge geh'n - wer weiß wohin?" sang Gilbert Bécaud.

All' diese Sorgen hatte ich in dieser Nacht noch lange nicht, während ich im Chor mit den anderen Säuglingen dahinschlummerte oder schrie. Mein Lebenszug war schon unterwegs auf den ersten Kilometern. Wohin die Reise gehen würde - wohin das Leben mich führen würde -, davon hatte niemand eine Ahnung, ich selbst am allerwenigsten.

Durch die im Nachtwind leise sich bauschenden Gardinen drangen die Geräusche der Nacht herein. Welcher Nachtvogel war es, der da sang? Was erzählte der Wind?

© Bernhard Fellner