Raoul

Raoul ist ein Wesen aus gebranntem Ton. Er sieht einem Hund ähnlich mit seinen langen Armen und Beinen. Sein besonderer Charme liegt im melancholischen Gesichtsausdruck. Dieser packte mich unmittelbar, als er aus dem schützenden Zeitungspapier entrollt wurde.

Es war sozusagen "Liebe auf den ersten Blick!" Oder vielmehr: Wiedererkennen, Mitfühlen. Ich sagte spontan, dass er traurig dreinsehe und dass seine rosa Ohren das einzig heitere an ihm wären.

Mit dem rosa Mund kann er reden. Was er zu sagen hat?

Dass er ein alter Hund sei und schon Vieles erlebt habe. Dass er mit der Zeit das Lachen fast verlernt hätte. Dass er zerbrechlich sei - deswegen das Zeitungspapier! Dass er stolz auf seine steinblaue Farbe sei - eine Tarnfarbe, denn in Wirklichkeit sei er hellbraun. Dass ihn seine harte Keramikschicht gegen die Unbill des Lebens schütze. Darunter trage er ein weiches, rosafarbenes Herz.

Raoul erzählte mir von seiner Kindheit im sonnigen Catania. Von seiner Jugendzeit im ewigen Rom. Von seinen Studienjahren in Venedig und seinen alten Tagen in Wien, wo er sich in einer Schuhschachtel ausruhen durfte. Manchmal klärten sich seine traurigen Züge und er lächelte, während er etwas Lustiges erzählte. Niemand kann so gut erzählen wie Raoul, denn er hat in seinem Leben sehr viel gesehen.

Ich bekam Raoul geschenkt. Er durfte mit mir gehen. Oder eigentlich ich mit ihm. Er kann nicht gehen - ist ja versteinert. Zunächst wanderte er in ein schlichtes Plastiksackerl und wurde dann von mir um eine Etage höher getragen: Von der Pötzleinsdorfer hinauf in die Peter Jordan Straße - über eine schier endlose, ziemlich steile Stiege. Das gefiel Raoul: getragen zu werden.

Bei mir zuhause nahm er Platz auf meinem Schreibtisch. Ich ließ ihn eine Füllfeder halten. Doch die nahm ich ihm gleich wieder weg. Es war unter seiner Würde. Er sollte nicht mein Füllfederhalter, sondern mein Begleiter werden. Wie er so da saß, erinnerte er mich an etwas, das mehr bedeutete als ein blauer Keramikhund.

Wenn uns niemand beobachtete, unterhielten wir uns leise. Über die bunten, fremden Länder, wo er schon gewesen war. Über das blaugrüne Meer und weiße Segelschiffe, über weite Palmenstrände und rote Rosengärten. Aber auch über dreckige Hinterhöfe, dunkle Sackgassen und verseuchtes Hafenwasser.

Raoul kann nicht nur gut erzählen, sondern auch wunderbar zuhören - seine rosa Ohren sind weit offen und dem Gesprächspartner entgegengestreckt.

"Willst du bei mir bleiben?", fragte ich Raoul. Sein Gesichtsausdruck verriet: "Siehst du nicht, dass ich versteinert bin? Alles, was ich zur Konversation beitragen kann, ist meine Aura. Ja, diese Aura - die habe ich! Die Aura eines altgewordenen, müden, aber sehr erfahrenen Straßenköters."

"Das genügt, lieber Raoul!", sagte ich. "Du regst meine Phantasie an. Das ist mehr als man erwarten kann! Also willst du hierbleiben? Willst du dich nicht von hier wegbewegen?"

Als ob er könnte!

Mir schien, dass er da ein wenig schmunzelte.

© Bernhard Fellner