Sommerfrieden

Leise und sacht bauschen sich die seidigen, weißen Gardinen in der warmen Sommerluft. Das Summen von ein paar übereifrigen Fliegen unterbricht die Stille im Zimmer. Hier herinnen ist es aufgrund der dicken Mauern angenehm kühl. Draußen herrscht die flirrende Hitze des Hochsommers.

Jenseits des Gartens reiht sich schier endlos Feld an Feld - bis zum Horizont. Reif und dunkelgelb steht der Weizen, bereit, geerntet zu werden.

Es ist die Zeit für stilles Träumen, Dösen und befreites Nichts-Tun. Wie schön ist es, auf dem alten dunkelgrünen Sofa zu liegen und seinen Gedanken nachzuhängen. Alles bleibt gleich, nur der Schatten wird von der Sonne bewegt. Und schon ist man eingeschlafen... Ist das ein sanfter Sommertraum oder noch zarte, warme Realität? Wer kann es sagen, wenn er im Halbschlaf liegt...

Die Tage dieser langen Sommer am Land hatten etwas zäh Verrinnendes, nie enden Wollendes. Die Stunden zählte nur die alte Biedermeieruhr im Wohnzimmer. Leise, leise, als ob sie den Sommerfrieden nicht stören wollte, tickte sie vor sich hin.

Die roten Rosen im Garten schwelgen in voller Pracht. Es ist ihre Hoch-Zeit. Die gelben Sonnenblumen neigen ihre schweren Häupter. Die dunkelblaue Klematis umwuchert den kleinen Terrassenplatz.

Im Hof bietet der große, breite Kirschbaum willkommenen Schatten. Die Zeit der Kirschreife ist lang vorbei. Am blauen Himmel ziehen die schnellen, schwarzen Schwalben ihre nimmermüden Kreise.

Von Ferne grüßen die imposanten Zwiebeltürme der Wullersdorfer Pfarrkirche. Wie bescheiden ist doch die hiesige kleine Kapelle gegenüber der barocken Wucht Jakob Prandtauers! Am Dorfweiher spielen Kinder mit Begeisterung und spitzen Schreien "Räuber und Gendarm".

Die Schulzeit ist vorbei. Die Ferien haben begonnen. Aus London werden die "Wimbledon Championchips" übertragen. Die Tennishelden hießen damals Rod Laver, Ken Rosewall und John Newcombe.

Mit den Dorfbuben kann man neben dem großen Stadl Fußball spielen oder Tischtennis in der verstaubten Tenne. Beim Badminton fliegen die Federbälle hoch in den Himmel und im Mitzählen ist bei Hundert noch lange nicht Schluss.

Mit dem Rad fuhren wir ins altehrwürdige Stadtbad nach Hollabrunn. Das ist nichts Großes - aber für Abkühlung und Erfrischung war jedenfalls gesorgt. Vor den hölzernen Kabinen lagen wir in der Sonne und ließen uns bräunen. Bei der Heimfahrt nahmen wir noch ein Eis in der Bahnstraße mit.

Am Abend ist die Stimmung am schönsten: Alles wird noch um eine Spur leiser und ein wunderbares Abendrot verklärt den westlichen Himmel.

Jetzt spielen wir noch schnell eine Partie Karten - Rummy oder Tarock, manchmal schnapsen wir auch. Aus dem Stall des Nachbarn hört man die Kühe muhen. Eine eifrige Amsel singt auf der blühenden Linde.

Blass geht der Mond auf und ein weiterer Sommertag neigt sich dem Ende zu. Einer von vielen auf einer in der Kindheit schier endlosen Perlenschnur. So unbeschwert und ohne Sorgen ist mir das Leben nie wieder vorgekommen.

© Bernhard Fellner