Was bleibt

Reinhard war der beste Freund meiner Jugendzeit. Fünf Jahre lang drückten wir miteinander eifrig die harte Schulbank. Unzählige Fußballschlachten der damals noch attraktiven Austria-Wien haben wir gemeinsam besucht. Viele Abende verbrachten wir in mehr oder weniger schummrigen Cafés mit Schach und Billard. Fast immer hat Reinhard gewonnen. Er war so etwas wie ein Allround-Genie: Er konnte außergewöhnlich gut Schreiben, hervorragend Malen und war ein begabter Sportler. Obwohl ziemlich dürr gebaut ist er allen davongerannt und brachte es im Weitsprung auf beachtliche Leistungen.

Er schenkte mir viel Zeit und Aufmerksamkeit. Ein Anruf genügte und wir trafen uns am Gersthofer Platzl oder am Aumannplatz. Reinhard war auch da, wenn es mir nicht so gut ging und hat auch meine Marotten ertragen.

Im Grunde waren wir ziemlich verschieden, aber es heißt ja: Gegensätze ziehen sich an! Wir waren sehr aufeinander eingespielt und kannten unsere Vorzüge und Schwächen recht genau. Ich hatte meistens den etwas solideren Part über. Reinhard war zwar ein begabter "Knabe", aber manchmal neigte er zur Exzessivität, was sich auch in der Zahl der konsumierten Biere manifestieren konnte.

Reinhard schaffte die Aufnahmsprüfung zur Kunstakademie mühelos und verbrachte viele Semester am lauschigen Schillerplatz. Ich hatte das große Glück, ein wunderbares Frühwerk von ihm zu ergattern, das einen Harlekin mit gesenktem Haupt darstellt. Trotz der bunten Farben ist es ein melancholisches Bild, das ich sehr liebe.

Reinhard konnte auch wunderbar zeichnen. Es ist schwer zu sagen, ob seine Ölbilder oder die Zeichnungen besser waren. Im Lauf der Jahre wurden seine Bilder dunkler, düsterer. Ich glaube, es ist ihm auch die Schaffenskraft ein bisschen verloren gegangen. Mit nicht nur einem Professor, der ihn zunächst gefördert hatte, zerstritt er sich wegen Kleinigkeiten.

Unsere Wege haben sich Anfang der Achtziger-Jahre getrennt. Oft bedaure ich das, aber es hat sich so ergeben. Ich verdanke Reinhard so viele lustige Stunden! Es tut mir Leid, dass ich ihn total aus den Augen verloren habe. Vielleicht hätte er mich irgendwann gebraucht und ich hab es nicht einmal gewusst! Aber ich hab ihn nicht mehr angerufen. Doch - einmal bat ich ihn, ein Bild für mich zu malen. Aber daraus wurde nichts. Es war zu spät. Er wollte nichts mehr von mir wissen.

Ich vermute, Reinhard denkt gar nicht, dass ich ihm so dankbar bin...

Eines Tages - als wir schon etwas angeheitert waren - hat er mich zum Aktzeichnen in die Akademie mitgenommen. Obwohl meine Kohlezeichnung gar nicht schlecht ausfiel, bin ich dem Assistenten doch als "Alien" aufgefallen und er hat mich mit einem überaus griesgrämigen Gesicht des Saales verwiesen. Solche und ähnliche Jugendstreiche haben Reinhard und ich oft geliefert. Wozu hat man denn auch einen besten Freund?

Was bleibt, ist die Erinnerung. Und die lebt in allen Facetten weiter!

© Bernhard Fellner