Als Kosovo noch bei Serbien war

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Als Kosovo noch bei Serbien war | story.one

Die „Liebeserklärung an die Alpbacher Geistesrepublik“ war Geschichte, die Revolution der Jungen erfolgreich gestartet und einige Initiativgruppen (IG) und Alpbachclubs an österreichischen Universitäten gegründet - up and running.

Nun stand die Internationalisierung der Stipendien auf dem Plan. Es galt, das erfolgreiche Modell der IG an ausländische Universitäten zu exportieren. Dabei erkannten wir schnell, dass die Saturiertheit im Westen - nicht despektierlich gemeint, aber das Angebot für Studierende der westlichen Welt, an internationalen Kongressen teilzunehmen, war einfach damals schon sehr groß gewesen - nicht gerade förderlich für die Motivation war, sich auch an der eigenen Uni für das EFA zu engagieren.

Ganz anders das Bild in Osteuropa und im Balkanraum: Mitte der Nullerjahre konnten ungefähr 20 Clubs in den Ländern des früheren Ostblocks und auch im eben noch kriegsgebeutelten ehemaligen Jugoslawien gegründet werden. Der Enthusiasmus der jungen Leute war enorm. Bald gab es im Balkanraum eine IG in jedem Land - und mehr noch...

Stipendiaten aus Pristina hatten nämlich den Wunsch geäußert, eine IG Kosovo zu gründen. Zu Recht, denn Landesgrenzen hin oder her, es ging ja um die Universitätsstädte. Also wurde gegründet. Die Begeisterung des Clubs Belgrad war mäßig.

Das erste, vom EFA-Präsidenten initiierte, Treffen der Gruppen war schwierig: Mit jeder "Partei" drei Vorbereitungstermine über Themen, Verhalten und Emotionen - und wie man den jeweils anderen vom falschen politischen Weg abbringen könnte...

Es folgte das erste Zusammenkommen: vor dem Congress Centrum, jeweils der gesamte Club/IG-Vorstand a fünf Personen sowie der EFA-Präsident und meiner einer. Die Handshakes mit namentlicher Vorstellung erfolgten sehr gestresst. Der Wunsch nach zwei Meter langen Armen, um möglichst viel Distanz aufzubauen, stand allen ins Gesicht geschrieben.

Und dann der Moment, der alles veränderte: Die Präsidentin der Belgrader stellte sich beim letzten Vorstandsmitglied der kosovarischen IG vor. Dieses erwiderte die Vorstellung. Als die Präsidentin den Namen hörte war sie sichtlich schockiert und bat diesen zu wiederholen. Ungläubig drehte sie sich zum EFA-Präsidenten und mir um: "Aber das ist ein serbischer Name! Es ist völlig unmöglich, dass jemand von der serbischen Minderheit in den Vorstand einer kosovarischen Organisation aufgenommen wird." Noch immer perplex wandte sie sich wieder ihrem Gegenüber zu, das ja leibhaftig vor ihr stand. "Kann es sein, dass mich Milosevic mit seiner Propaganda mein ganzes Leben lang belogen hat?" Der EFA-Präsident sah mich an und meinte lächelnd: "Komm wir gehen, die brauchen uns vorerst nicht mehr..."

Fünf Stunden später berichteten die Gruppen von ihrem ersten Treffen, in dem sie erkannt hatten, dass 95 Prozent ihrer Probleme genau dieselben waren. "Und wenn wir die gelöst haben, dann sprechen wir über die fünf Prozent, die uns wirklich trennen."

© Bernhard Marckhgott