Der Ebenbauer aus Hintersee

Der Ebenbauer aus Hintersee

Es dürfte um 1879 gewesen sein, als der zukünftige Ebenbauer aus Hintersee Rupert Wörndl, beinahe 30 Jahre alt, in Faistenau im Ortsteil Tiefbrunnau am Perfalleck die uneheliche Tochter vom Kurzmühlhäusl kennen lernte. Sie hieß Elisabeth Leitner und war erst 18 Jahre alt. Bald nach dem 1. Treffen wurde geheiratet und Elisabeth wurde Ebenbäuerin in Hintersee.

1881 wurde Sohn Rupert geboren. Neben der vielen Arbeit schenkte die Bäuerin noch weiteren 16 Kindern das Leben, fünf starben. Das letzte Kind, Tochter Katharina, kam 1898 zur Welt.

Mein Urgroßvater war Zimmermann und Köhler und hatte immer Arbeit. Er war auch bei der Errichtung des Hofer Kirchturms im Einsatz, wo nur die Allerbesten mitarbeiten durften. Eine Wegstrecke hin und retour von ca. 30 km war täglich zurückzulegen.

Im Winter arbeitete er in Scheffau bei Abtenau als Kohlenbrenner. Die Familie hatte nur Briefkontakt, die Anschrift lautete: Rupert Wörndl Köhler in Scheffau. Wenn der Schnee im Frühling weniger wurde, kam er zu Fuß mit all seinen Habseligkeiten im Rucksack durch den Ackersbach über die Genneralm wieder nach Hause zum Ebenbauer in Hintersee. Der Tagesfußmarsch von ca. 45 km vom Tal über den Berg war sicherlich beschwerlich und ich kann mir vorstellen, dass die Strecke zu dieser Jahreszeit nicht ungefährlich war.

Wie es in dieser Zeit Pflicht war, musste man jeden Sonn- und Feiertag in die Kirche zur Heiligen Messe gehen. Nüchtern!, damit man die heilige Kommunion (Hostie) empfangen konnte. Die Frauen mussten nach dem Gottesdienst nach Hause gehen, um Kinder und Tiere zu versorgen. Die Männer kehrten im Gasthaus ein und ließen es sich gut gehen, oft bis in die Nacht hinein. So wie es kommen musste, war mein Urgroßvater regelmäßig beim Lindenwirt. Hier hat er sehr viel Geld verbraucht und verspielt, welches er aber nicht hatte. Als „guter“ Freund lieh ihm ein reicher Bauer immer wieder Geld, bis dieser eines Tages die gesamte Summe mit Wucherzinsen zurückverlangte. Zu dieser Zeit arbeitete der zweite Sohn Sepp, 17 Jahre alt, bereits als Holzknecht und verdiente gut, sodass meine Urgroßeltern mit seiner Hilfe die Schulden langfristig zurückzahlen hätten können. Der "Freund" wollte aber sein Geld entweder sofort oder den Bauernhof.

So kam es, dass meine Urgroßeltern den Bauernhof verloren. Im Jahre 1900 mussten sie sodann mit 12 Kindern den Ebenbauernhof verlassen. Geblieben sind ihnen die schlechten Wiesen am Ufer der Taugl, die immer wieder vom Hochwasser bedroht waren. Die Unterkunft bestand aus zwei alten Troadkästen, die notdürftig mit gebrauchten Schindeln und Brettern eingedeckt wurden. Es gab keinen Strom und wenig Wasser. Mitnehmen durften sie nur 2 Kühe und jährlich bekamen sie vom neuen Ebenbauer zum Heizen 5 Meter Forstholz. Dieses Servitut fiel 1988 mit dem Tod meines Großvaters Leonhard wieder an den Ebenbauerhof zurück.

© Bienenoma