Ebenhäusler Hartl - Der Schneidermeister

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Ebenhäusler Hartl - Der Schneidermeister | story.one

1927 machte sich mein Opa Leonhard Wörndl in Hintersee als Schneider selbständig.

Am Beginn ist er noch zu den Bauern auf die Stör gegangen. Die Wege machte er zu Fuß oder mit dem Rad, das für sein steifes Knie umgeändert wurde. Zuhause im Ebenhäusl richtete er sich eine kleine Werkstätte her. Zugeschnitten und handgenäht wurde am Stubentisch. Wenn es zum Essen war, musste man vom Tisch alles wegräumen. Die Handnähmaschine, das Geschenk einer Großherzogin 1908, wurde bald durch eine Tretnähmaschine ersetzt. Diese stand in der Ecke neben dem Fenster. Dort hatte der steife linke Fuß genug Platz. Das Pedal bewegte Opa mit dem rechten Fuß, nur so konnte er nähen.

Das Abmessen und die Anprobe der Kleidungsstücke der Kundschaft fanden auch in der Stube statt. Im Schlafzimmer meiner Großeltern stand ein großer hoher Kasten, in dem befanden sich das Nähzubehör, Schnitte und die verschiedensten Stoffe.

Opa hat für viele Hinterseer genäht, geändert und natürlich geflickt, denn für die ländliche Bevölkerung war Kleidung sehr kostbar. Manchmal konnten die Kunden die Arbeit nicht bezahlen, oft musste Opa lange auf seinen Lohn warten.

Opa Hartl hatte einen Stempel mit „Leonhard Wörndl Schneidermeister“.

Der Sohn seines Lehrherrn hat sich ein großes Schild machen lassen und über die Eingangstür gehängt. „Ludwig Wenger geprüfter Schneidermeister“

Leonhard Wörndl aus Hintersee und Ludwig Wenger aus Faistenau waren Konkurrenten. Natürlich spielte der Neid eine große Rolle. So hat Ludwig Wenger die Hosen für die Holzknechte aus Hintersee um 5 Schilling billiger gemacht, damit diese die Arbeitshosen nicht bei meinem Opa bestellt haben.

Aber nicht nur deshalb entging meinem Opa so manches Geschäft. Die Leute kamen mehr aus dem Tal heraus und fanden andere Einkaufsmöglichkeiten:

Einen Tag vor der Firmung seines Sohnes kam ein angesehener Bauer vorbei, um für sich eine alte Lodenjacke umändern zu lassen. Opa arbeitete bis spät in die Nacht hinein bis die Jacke endlich fertig war. Am Sonntagmorgen brachte er sie mit dem Fahrrad persönlich zur Kundschaft. Als ihm der Bauer die Haustür öffnete, stand dieser mit einer neuen Jacke bereit zum Kirchgang vor Opa. „War das nicht eine Gemeinheit?“

Der Wandhäusler war der beste Freund meines Opas. An einem Ostersonntag zeigte der Freund sich stolz am Kirchenplatz mit einer nagelneuen Ausseer Jacke. Grauer Lodenstoff mit dunkelgrünem Aufputz und aufwendiger Steppung, dazu zierten echte Hirschhornknöpfe mit Rosetten diese sehr teure Jacke. Von den Hinterseern wurde diese schöne Jacke natürlich bewundert. Für Opa war es ein Verrat der Freundschaft.

Leider konnte mein Opa die aufwendigen Steppereien an den Ausseer Jacken nicht machen. Die Anfertigung wurde von den Ausseer-Schneidern geheim gehalten. Die Jacken konnte man nur fertig im Ausseerland kaufen. Lustig ist, dass ich, Hildegard die Enkelin, 42 Jahre später sehr viele von diesen Jacken bei der Firma Lanz in Salzburg genäht habe.

© Bienenoma 11.04.2019