Ebenhäusler Hartl wird Schneider

Nach dem Tod der Mutter lebten im Ebenhäusl noch mein Opa Hartl und seine Schwester Justl mit Tochter Resi. Da Opa wegen seinem steifen Fuß keine passende Arbeit fand, mussten die Geschwister von der kleinen Landwirtschaft leben.

Jedes Jahr im Frühling kam auch im Ebenhäusl der Hausierer vorbei. Dieser wusste sämtliche Neuigkeiten aus Faistenau und Hintersee. Im Frühjahr 1920 erzählte er meinem Opa, dass der Schneidermeister Franz Wenger aus Faistenau einen Lehrling sucht. Opa sah eine Chance, diesen Beruf mit seiner Behinderung ausüben zu können. Der Gedanke, Schneider zu werden und endlich eigenes Geld zu verdienen, gefiel ihm gut. Seine Schwester Justl bestärkte ihn und so bewarb sich Opa.

Im August 1920 fing für Opa Leonhard die Schneiderlehre an. Der Lehrherr Franz Wenger war verheiratet und hatte 2 Buben. Kurze Zeit nach Lehrbeginn wurde seine Frau wieder schwanger. Meister Wenger meinte zum Opa: “Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich nicht genommen.“ Den Grund dieser Aussage kannte Opa nicht.

Gearbeitet wurde nicht nur in der kleinen Werkstätte am Hintersee, Meister und Lehrling gingen auch auf die Stör. Schneider waren wandernde Handwerker, die im Haus des Auftraggebers arbeiteten.

Manche Erlebnisse blieben Opa in Erinnerung:

In der Fastenzeit wollte Opa am Montag nach dem 3. Fastensonntag seinen Lehrherrn zur Arbeit abholen. Meister sah er keinen, dafür musste er sich das Geschimpfe der Frau Wenger anhören: 3. Fastensonntag! 3. Vollrausch!

Die Näharbeiten bei einem Kunden in der Gaissau mussten mit Regenschirm erledigt werden. Sie waren schnell fertig.

War die Kost gut und reichlich, wurde langsam und genau gearbeitet. Bei schlechter Verpflegung ging das Nähen und Bügeln dementsprechend schneller.

Eine Bäuerin fütterte ihre Katze mit Milch und bot dann meinem Opa Milch aus dem gleichen Schüsserl an. Opa hatte aber keinen Durst mehr und lehnte dankend ab.

Auf dem Nachhauseweg nach einer lustigen Einkehr haben Meister und Opa beschlossen, in Hintersee beim Sommerau-Bauern fensterln zu gehen. Die Kletterei endete mit einem Sturz. Der schwere Rucksack – gefüllt mit Bügeleisen, Nähmaschine und sonstigem Schneiderbedarf – verfehlte meinen Opa nur knapp.

Die Lehrzeit endete am 5.8.1923. Als Opa die Gesellenprüfung machen wollte, stellte sich heraus, dass er die ganzen 3 Jahre nicht angemeldet war. Trotzdem hat Opa es geschafft, die Lehre mit sehr gutem Erfolg abzuschließen. Dies beweist sein Original-Gesellenbrief, datiert Salzburg, 5.8.1923 Innungsmeister Karl Kastl.

Opa Hartl suchte sich eine neue Stelle und wurde Schneidergehilfe in der Schneiderei Wonnebauer in Koppl. Hier gefiel es ihm sehr gut. Er vertiefte sein Fachwissen und sein handwerkliches Können. Herr Wonnebauer war mit Opa sehr zufrieden und erlaubte ihm schließlich, sich in Hintersee als Meister selbständig zu machen. Bedingung war jedoch, dass er keine Lehrlinge ausbilden durfte.

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