Hartl ein Ebenhäusler

Leonhard „Hartl“ 1896 - 1988

Mein Opa Hartl war 4 Jahre alt, als seine Familie 1900 den Ebenbauernhof verlassen musste. Dieses prägende Erlebnis – vom Bauernhof in die Troadkästen – hat meinen Opa sein ganzes Leben begleitet, beschäftigt und geschmerzt. Die Ebenhäusler haben in einer unvorstellbaren Armut gelebt.

Meine Urgroßmutter Elisabeth war zur Zeit des Umzugs schon krank. Ihr Körper war von den 17 Geburten und der vielen Arbeit bereits geschwächt. Die Füße machten ihr große Probleme, die Krampfadern brachen immer wieder an einer anderen Stelle auf. Die stechenden Schmerzen begleiteten sie Tag und Nacht. Jede Woche kam die Reitbäuerin vorbei, um die schmerzenden Stellen vom Eiter zu befreien und die Wunden neu zu verbinden. Während dieser Besuche klagte meine Uroma oft über die große Not der Familie.

Um die trostlose Situation der Ebenhäusler ein wenig zu mildern, schlug die Reitbäuerin schließlich vor, den Bub Hartl, nun 7 Jahre alt, auf ihren Hof mitzunehmen. Hier sollte er für Kost und Unterkunft arbeiten. Meine Urgroßeltern waren einverstanden und froh, ein Kind weniger versorgen zu müssen.

Die Arbeiten beim Reitbauer bedeuteten für Opa Hartl: Feld, Heuernte, Stall, Holzarbeit, Almwirtschaft, die kleinen Kinder des Bauern.

Jeden Abend gab es zum Essen eine Schüssel Milchsuppe mit kleinen Brotstückerln darin. Meistens schöpften die Erwachsenen schneller und so ging Opa oft mit Hunger ins Bett. Am Freitag machte die Bäuerin immer in einer großen Rein Wuchteln aus Germteig. Wenn Opa mal das Glück hatte, zwei Wuchteln zu erwischen, meinte der Bauer: „Heit magst aber essen.“

Im Sommer musste Opa jeden Sonntag zuerst ca. 4 km in die Kirche ins Dorf gehen. Danach wieder nach Hause zum Reitbauern, um dort einen Rucksack gefüllt mit Mehl, Eiern, Zucker und Brot zu holen. Wieso er den Ranzen nicht gleich zur Kirche mitnehmen durfte, bleibt mir ein Rätsel. Leider habe ich meinen Opa nie nach dem Grund gefragt. Ich kann es mir nur so erklären: Entweder musste er die Sonntagskleidung ausziehen oder der Bauer hatte Angst, dass der Rucksack gestohlen wird.

Schwer beladen ging also mein Opa, er war ein zartes Kind, wieder zu Fuß ins Dorf. Dann ca. 4 km weiter in den Ortsteil Lämmerbach bis ans Talende von Hintersee. Schließlich ging es steil bergauf zur Genneralm bis zur Reithütte, nochmals ca. 8 km. Hier lieferte er die Lebensmittel bei der Sennerin ab. Diese freute sich immer auf sein Kommen. Sie wusste, dass er nach dem langen Fußmarsch großen Hunger hatte und kochte ihm ein gutes stärkendes Muas. Dazu Milch so viel er wollte. Manchmal bekam er Bauchschmerzen, er war den vollen Magen nicht mehr gewohnt! Der Rucksack wurde vollbepackt mit Käse und Butter, die die Sennerin aus der Milch der Almkühe herstellte. Mit dieser Last am Rücken machte sich Opa wieder auf den langen beschwerlichen Heimweg. Hatte er noch Zeit und kam vor der Stallarbeit zurück, dann besuchte er seine Eltern und Geschwister im Ebenhäusl.

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