Leben im Ebenhäusl - beim Schneider

1930 haben meine Großeltern Gretl und Hartl geheiratet und Oma ist von Abtenau nach Hintersee gezogen. Ihre neue Heimat war eine besondere Herausforderung, denn es lebten im Ebenhäusl noch der 49jährige Riapei, Justl, inzwischen 43 Jahre alt, welche die Hauswirtschaft führte, deren 16jährige Tochter Resi und der siebenjährige Leonhard „Klein Hatei“, der zweite Sohn von Opas Schwester Kathi. Den Bub haben Justl und Opa als Säugling aufgenommen und ein Zuhause gegeben.

Zwei Frauen- ein Haushalt - hat binnen kurzer Zeit zu großen Auseinandersetzungen geführt. Justl zog gekränkt mit Resi zur Verwandtschaft von Resis Vater Hermann nach Bayern. Dieser war inzwischen verheiratet und hatte eine eigene Familie. Justl konnte sich nicht eingewöhnen und kehrte mit Resi nach kurzer Zeit wieder ins Ebenhäusl zurück. Opa stellte ihnen das kleine Zuhaus zur Verfügung, in dem bis zu seinem Lebensende auch Vater Rupert lebte. Justl führte wieder selbständig einen Haushalt und es war die beste Möglichkeit, größeren Reibereien auszuweichen.

Oma Gretl versorgte neben der kleinen Landwirtschaft und ihrem Mann Hartl auch dessen Bruder Riapei und den kleinen Hatei. Das Ebenhäusl, zwei alte Troadkästen ganz schwarz von der Sonne, wurde bald nach der Hochzeit mit einem hellen Verputz versehen. So schaute es viel freundlicher aus und aus dem Ebenhäusl wurde nun „Beim Schneider“.

Meine Oma hatte sich bei ihrer Arbeit beim Schwarzenbachbauern in Abtenau und im Auracher Löchl in Kufstein Geld gespart, ca. 9.000 Schilling. Diese Ersparnisse bekam Opas älterer Bruder Sepp, der mit der Hirschpointtochter Maria verheiratet war. Ursprünglich sollte Sepp das Ebenhäusl erben, doch nach Opas Unfall entschieden die Eltern anders. Sepp wurde hinausgezahlt und er konnte sich denTroadkasten vom Mühlbachbauern kaufen und so seiner Familie ein neues Heim geben. Traurige Tatsache war, dass Oma zwar ihr Geld hergab aber nur Opa stand im Grundbuch.

Für Oma war es nicht leicht, in Hintersee Anschluss zu finden. Daher war sie oft sehr traurig, einsam und hat viel geweint. Ihre Eltern und Geschwister konnten sie wenig besuchen und sie selber schaffte es selten nach Abtenau. Die Entfernung war zu weit.

Am Sonntag, wenn meine Großeltern zur Heiligen Messe ins Dorf gingen, fuhr Opa mit dem Fahrrad schon eine halbe Stunde früher weg, um vorher noch einen Rosenkranz zu beten. Oma machte die Stallarbeit fertig und folgte später zu Fuß. Obwohl auch die anderen Frauen, meist Bäuerinnen, am Weg waren, durfte sie nicht mit ihnen gehen sondern alleine mit einem Abstand dahinter, wie eine Aussätzige. Sie war ja keine Bäuerin - nur eine Häuslerin und noch dazu eine Auswärtige. Lange Zeit wurde sie von den Hinterseern nicht angenommen, lange hieß es: „de Abtenauerin, de Schneidan“. Eines Tages sagte die Hintererbäuerin beim Kirchgang zu Oma: „Kim Schneidan geh ah mit ins“.

Nun war das Eis gebrochen und Oma gehörte „dazu“. So manche langjährige Freundschaft begann.

© Bienenoma