Geborgen

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Geborgen | story.one

"Hey, du kannst da nicht herum hüpfen, pass doch auf!", rief ich, in Gedanken, dem kleinen Wesen zu das auf dem Holzvorsprung im Gasthaus herum eilte. Immer wieder schweifte ich aus dieser Welt in eine völlig andere. Dort kümmerte sich keiner darum ob ich nun da war oder nicht, es war einfach so wie es eben gerade war und mich machte das seelig und zufrieden.

Schon als ich ganz klein war, wusste ich, dass ich anders war. Zumindest eben nicht so wie meine Geschwister und auch nicht wie meine Eltern. Oft stellte ich mir vor ich wäre jemand ganz besonderes und das fühlte sich so magisch an. Die kleinen Wesen waren nicht immer von der Partie und sehen konnte ich sie eigentlich auch nicht, doch spüren konnte ich sie. Als ich mit 15 mein eigenes Zimmer am Dachboden bekam, war ich überglücklich. Zuvor teilte ich eines mit meiner großen Schwester und das war oft, wirklich sehr oft, die reinste Katastrophe. Wir beide hatten einen total anderen Zugang, was Ordnung betraf. Meist zu meinem Nachteil.

Mein neues Reich war über eine Dachbodenauszugsleiter erreichbar, doch das störte mich nicht im geringsten. Ich hatte endlich meine 8 Quadratmeter nur für mich und all meine "Begleiter". Die Wände waren alle mit Holz verkleidet und ein schräges Dachfenster war überhaupt mein Highlight. Wenn es regnete, war das Musik in meinen Ohren. Dieses Geräusch berührt auch noch heute die Tiefe meiner Seele. Wenn es ganz finster war, konnte ich die Sterne beobachten und der Mond strahlte immer in seiner ganzen Pracht in mein kleines Zimmer.

Ich liebte meine vier Wände und mit der Zeit entdeckte ich so viele verschiedene Geschöpfe in den Holzmaserungen meiner Wände. Die meisten davon waren Wildtiere. Rehe, Hirsche und Hasen, also war ich fast im Wald zu Hause. Mit der Zeit bemerkte ich, dass ich überall Tiere und Gesichter erkennen konnte, die außer mir niemand wahrzunehmen schien. Ich sprach auch immer mit der Natur, denn ich war oft alleine unterwegs. Bäume liebte ich über alles, sie wussten soviel und ich fühlte mich wie ein klitzekleines Staubkorn, doch ihnen machte es nichts aus. Ich hörte ihnen so gerne zu. Und lange habe ich all dies vergessen, vielleicht ist es einfach auch nur in den Hintergrund getreten. Wer weiß das schon.

Seit kurzem fange ich wieder zu leben an und das Staunen kommt zurück. Gestern als ich von unserer Firmenweihnachtsfeier mit dem Zug nach Hause fuhr, erlebte ich eine Reise der besondeten Art. Ich brauchte nur auf die Sitzpolsterung lange genug schauen und es tanzten so viele Geschöpfe vor mir herum. Ich weiß schon wie sich das wohl für den einen oder anderen anhören mag, womöglich nicht mehr alle Tasten im Schrank! Ehrlich, ist mir egal.

Ich sah eine Hexe, 2 Krampusse, einen riesigen Drachen der seine Flügel ausbreitet, eine Spinne in einem Labyrinth und noch vieles mehr. Manches blitzte nur für ein paar Sekunden auf und schwuppdiwupp war das Spektakel auch schon wieder vorbei und die Polsterung war wieder eine Polsterung. Erinnerungen bleiben.

© Birgit Hofstötter 21.12.2019