Nadelmalerei

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Nadelmalerei | story.one

Die Herbststrasse in Wien war für mich, die beste Schulwahl überhaupt. Der Stundenplan gespickt von kreativen Gegenständen.

Naturstudien, war eines meiner Lieblingsfächer. Hier konnte ich so richtig in das hier und jetzt eintauchen. Nichts war zu groß oder zu klein, um es auf das Blatt Papier zu bringen. Meine diversen Bleistifte waren meine größten Schätze.

Und dann gab es noch das Kunststicken. 5 Jahre begleitete mich diese Muse und Entspanntheit. Wir lernten vom Ebenseer Kreuzstich über Nadelmalerei, auch Perlen und Goldstickerei. Wir Schüler waren alle in unsere Arbeiten vertieft, an Konzentration hat es uns nie gemangelt.

Unsere Stickrahmen waren etwas sperrig und daher hatte jeder von uns ausreichend Platz, sich zu entfalten. Zuerst wurde der Stoff, an dem Rahmengurt angenäht, danach wurde der Rahmen zusammengebaut und auf Spannung gebracht. Das Motiv der Nadelmalerei wurde mit Blaupulver durch die mit handgestochene Schablone auf den Stoff übertragen. Und dann konnte das Spektakel beginnen.

Der Stickrahmen wurde auf die Steher gelegt und ich saß davor. Die linke Hand unten und die rechte Hand oben am Geschehen. Das Stickgut bestand aus einzelnen Mulinefäden in verschiedensten Farben. Die halblange Nähnadel und der Fingerring (offener Fingerhut) waren meine treuen Werkzeuge. Wurde mit Gold gestickt, durfte man diesen umsponnenen Faden zwecks Oxidation nicht mit den Fingern berühren. Die sogenannte Brätsche half uns dabei. Jeder Stich saß und es vergingen Stunden um Stunden bis das Kunstwek fertig war.

Lange ist es her, dass ich diese wundervolle Kunst ausgeübt habe. Doch wer weiß, es ist nie zu spät sie wieder neu zu entfachten.

© Birgit Hofstötter 24.08.2019