Vernetzt

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Vernetzt | story.one

Funktioniert heute eigentlich irgendetwas noch ohne Netzwerke?

Anfangs des Jahres wurde mir wieder einmal die Frage aller Fragen gestellt:"Und wie gut sind Sie vernetzt?"

Was geschieht, wenn man eben nicht vernetzt ist? Firmenmäßig steht das ja gar nicht zur Debatte, denn da ist man ja automatisch miteinder verbunden. Doch das reicht oft auch nicht aus wenn die tatsächliche Kommunikation nur noch aus Emails, Chat Nachrichten und Telefonkonferenzen besteht. Trotzdem wurschtelt man sich da schon irgendwie durch.

Ganz anders schaut es jedoch aus, wenn man privat kein funktionierendes Netzwerk hat und dringend eines bräuchte.

Wäre es möglich für 6 Wochen einfach mal alles liegen und stehen zu lassen? Ja notwendig wäre es alle mal gewesen, doch den Mut und das Netzwerk hatte ich nicht.

Klar habe ich Bekannte, Familie gibt's auch, doch für solch eine Herausforderung zu wenig Beziehung.

"Ich hab grad im Internet gelesen, also das könnte ein Herzfehler sein. Muss behandelt werden sonst ist's vielleicht tödlich."

Nur diese Aussage hatte alles auf den Kopf gestellt. Vor einer Woche war das 16 jährige Mädchen erwürgt worden. "Dann geh ich bestimmt nicht in die Schule, denn ich lass meinen Hund bestimmt nicht alleine!"

Ein Wortgefecht jagte das nächste, er schubste sie, sie fiel. Panik machte sich breit. "Ich zeig ihn an wegen Körperverletzung!"

Ich schnappte ihn und brachte ihn in die Schule. Erklärte kurz den Sachverhalt und bat darum, dass sie sich um ihn kümmerten.

Ich konnte nicht mehr. Was erwartete mich wohl nun zu Hause? In die Arbeit musste ich auch noch.

Der Polizist hatte die Anzeige nicht aufgenommen, doch die beiden ins Krankenhaus zur Begutachtung geschickt. Röngten wurde keins gemacht, die Schilderung reichte um ihr klar zu machen, dass schlimme Blessuren entstehen würden. In ihren Augen war er nun ein Schläger.

Einen Tag wurde Pause eingelegt.

Morgens weckte ich sie und strich über ihr Bein. Sie schrie, ich hätte sie verletzt. ER brachte ihn in die Schule. Ich schnappte sie, ab ins Krankenhaus. Diesmal ein Röngten, Befund "negativ". "Aber der Arzt hat doch gesagt, ich hab eine starke Prellung und ich werd riesige Blaue Flecken bekommen!" Unverständnis machte sich breit. Ich traute mich nicht mehr sie anzugreifen, ihre Welt wurde derzeit von all den Beziehungsdelikten in den Medien total auf den Kopf gestellt.

ER rief mich an. ER konnte auch nicht mehr, alles zu viel. Aufnahme im Krankenhaus.

Kurzes Telefonat mit meiner Chefin. Ich war raus, auf unbestimmte Zeit.

Dann kehrte ein wenig Ruhe ein.

Doch noch immer hielt ich an etwas fest. Wofür?

Erstes Gespräch im Krankenhaus. Dachte es sei gut gelaufen. Ausgang am Wochenende, Unverständnis seinerseits.

Weitere Gespräche folgten. Festgefahren, kein Vorwärtskommen. Endstation.

Diesmal schaffte ich es. Für mich, für unsere Kinder.

Und das Netzwerk? Ich bin dabei eines aufzubauen. Vertrauen ist gefragt, und ich lernte mehr auf mein Bauchgefühl zu hören.

© Birgit Hofstötter 17.10.2019