Wie aus Three-Thirty-Six ein Hansi wurde

In den Neunziger Jahren verbrachten mein damaliger Mann und ich ein Jahr in Kalifornien. Mit zwei Kindern und zwei Koffern flogen wir über den großen Teich und ließen unser bisheriges Leben zurück. Schnell knüpften wir viele neue Freundschaften. Unter anderem zu einer Österreicherin, die als Wissenschaftlerin in einem Labor arbeitete und Versuche bei Hamstern vornehmen musste, die jedoch nur ein bestimmtes Gewicht haben durften. Eines Tages kam eine falsche Lieferung und eilig versuchte sie die Hamster an sämtliche Bekannte, Nachbarn und Kollegen zu verschenken, da sie sonst eingeschläfert wurden. Unsere Kinder ließen nicht locker und so kam der Hamster mit der Nummer Three-Thirty-Six in unsere Familie. Die Kennziffer blieb vorerst sein Name. Da wir wussten, dass wir in spätestens neun Monaten wieder nach Österreich zurück kehren würden, hoffte ich insgeheim auf sein frühes Ableben. Aber ich hatte nicht mit der Fürsorge und Hartnäckigkeit meiner Kinder gerechnet. Täglich musste der Hamster an die "frische Luft", sprich raus aus seinem Käfig. Wir bauten kleine Königreiche, in denen er rumlaufen konnte. Die Grenze seines Reiches bildeten verrückte Möbelstücke und unsere Beine, die wir so aneinander hielten, dass er sich nicht verlaufen konnte. Frischer Salat, Karotten und Äpfel sowie Nüsse aller Art verschwanden in seinen Backen, um in diversen Vorratshöhlen wieder aufzutauchen. Der Nachbarskater namens "Elvis"kam täglich zu Besuch und wartete stundenlang vergeblich auf eine Chance seinerseits seinen Speiseplan zu erweitern.

Der Tag der Abreise rückte näher und eine Lösung musste her. Ich versuchte einen Platz für 336 zu finden, aber alle unsere Freunde hatten schon einen Hamster. Die Kinder standen kurz vor dem Hungerstreik und so entschlossen wir uns, den Hamster in unsere Heimat mitzunehmen. Ich suchte das österreichische Konsulat auf und bat um Auskunft über die notwendigen Formalitäten. Diese war jedoch niederschmetternd. Wenn er den Flug im Frachtraum überleben würde, dann musste er in Zürich einen Monat in Quarantäne und falls er dann immer noch am Leben war, durften wir ihn abholen.

Wir entschieden uns für Hamsterschmuggel im Handgepäck. Sein durchsichtiger Laufball war das ideale Transportmittel, da er Luftschlitze hatte und ich konnte ihm mittels Papierstreifen ein kleines Nest bauen. Wie er es durch die Röntgenkontrolle geschafft hat, weiß ich nicht mehr! Aber dass ich ihm von meinem Salat im Flugzeug etwas abgegeben habe, daran erinnere ich mich gut. Dazu musste ich nämlich den Laufball ein kleines bisschen öffnen.

Seinen Lebensabend verbrachte 336 in der Küche meiner Schwiegermutter, die seinen englischen Namen nicht aussprechen konnte und so wurde er zu Hansi. Dort durfte er unter der Eckbank viele Höhlen und Vorratskammern bauen. Sein kleiner Körper wurde zusammen mit den Tränen meiner Kinder unter einem Haselnussstrauch begraben. Hansi wurde zweieinhalb Jahre alt.

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