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Ikarus

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Ikarus | story.one

Die Sonne brennt. Sengt die letzten Reste von Weiß vom Himmel. Die Hitze ist bei uns angekommen.

Doch ein bisschen Bewegung muss sein. Mit kleiner Hoffnung auf leichten Fahrtwind, hinauf aufs Fahrrad, Start meiner Dorfrandrunde, nicht ohne Kappe und lange Ärmel als Sonnenschutz. Der Schatten unter der Eiche winkt.

Der Weg zwischen den Feldern verläuft etwas abschüssig. Auf dem Feld rechts neben mir arbeitet sich eine landwirtschaftliche Maschine von oben nach unten und von unten nach oben und wendet Heu. Zwei Greifvögel folgen ihr - Bussarde? Milane? - , halten Ausschau nach aufgeschreckten Tieren, nach Beute.

Ich halte inne, warte, bis die Maschine oben ankommt. Und die Greifvögel mit ihr. Vielleicht schaffe ich es, ein Foto von ihnen zu machen. Kamera heraus, auf den Auslöser gedrückt, mehrmals, nur so ins Blaue.

Die Maschine, die Vögel - es sind inzwischen drei -, herauf, hinunter, in Endlosschleife, nahezu.

Schließlich radle ich nach unten, steige wieder ab. Kamera bereit. Doch die Maschine hat schon gewendet, die Vögel erkunden die Weite. Na gut, es soll heute nicht sein.

Da!

Vor mir!

Neben dem Vorderrad.

Auf dem Weg.

Ein riesiger schwarzer Schatten.

Das Spiel beginnt.

Schatten weg.

Schatten wieder da.

Der Vogel muss genau über mir sein.

Den Kopf in den Nacken.

Blick nach oben.

Direkt in die Sonne.

Alle Vorsicht vergessen.

Sie blendet.

Leidenschaft macht blind?

Nein. Ich erhasche einen Blick auf ihn.

Den goldenen Vogel.

Im gleißenden Licht.

...

Und drücke ab.

Ein Ikarus, schießt es mir durch den Kopf.

Ikarus? Nur von meiner Perspektive aus ist der Vogel der Sonne nahe. Von seiner Perspektive aus fliegt er einfach seine Kreise. Ein Herrscher in seinem Lebensraum.

Bin im Moment nicht ich Ikarus? Eine, die sich ergötzt an diesem majestätischen Tier, besessen davon, es auf ein Bild zu bannen?

Warum stand ich schon seit jeher auf Ikarus' Seite? Auf der Seite dessen, der stürzt? Warum nicht auf Dädalus' Seite, der sie beide rettete aus der Gefangenschaft? Dädalus, der Mutige, der Erfinder, der Kreative. Der Sorgenvolle, der Mahner: Flieg nicht zu hoch! Nicht zu tief!

Es liegt an dem ZU!

Wie oft habe ich in meinem Leben gehört: Du bist ZU …! Die Ergänzungen sind beliebig.

Auch die Kulturgeschichte liebt den Ikarus-Mythos, kennt viele Fassungen und Interpretationen. Ich liebe Ikarus dafür, dass er das ZU lebt. Dädalus mag der Besonnene sein, Ikarus ist der Lebendige.

Oh, was passiert hier?

Er stürzt.

Fängt sich kurz vor dem Boden.

Landet vor mir auf dem Feld.

Gerade hatte ich wieder aufsteigen wollen. Also doch noch ein Fotoversuch. Ich erwische ihn just, als er die Schwingen ausbreitet und sich erhebt. Es ist sein Spiel. Seine Freiheit.

Jetzt radle ich weiter zum kühlenden Schatten der Eiche. Und bin noch ganz verwundert. Das Sonnen-Foto wäre ein Glückstreffer, ganz sicher nicht perfekt. Aber vielleicht konnte ich den Vogel einfangen? Etwas einfangen? Auf Ikarus-Art.

Mit "Lust nach dem Himmel", wie es Ovid, der Meister, besingt.

© Brigitte Hieber 01.08.2020

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