Aus dem Himmel gestürzt

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Aus dem Himmel gestürzt | story.one

Als ich in die Volksschule ging, wurde ich von allen Kinderkrankheiten geplagt, die sonst schon im Kindergarten übertragen werden.

Von dort war ich einige Male durchgebrannt, um wichtigere Dinge zu tun, z. B.: mit der einsamen Kuh, einer vielgeliebten Freundin, spazieren zu gehen oder an der Gasteiner Ache Fische und Wasseramseln zu bewundern oder weiß Gott was an Bedeutendem im damals weitgehend unverbauten Bergtal zu finden.

Die Eltern waren einsichtig genug, den Vorrag meines größten Lehrers, der Natur, zu akzeptieren. Der Kindergarten wurde gestrichen, dafür fehlte ich krankheitshalber mehr in der Schule.

Das ging recht gut, bis mich ohne erkennbare Ursache hohes Fieber befiel. Meine Eltern waren "abgebrüht" durch viele erfolgreich bestandene Krankheiten und behandelten mich mit erprobten Hausmitteln.

Aber nichts half, ich muss wohl sehr gelitten haben, viele Tage und Nächte lang hoch fiebernd & schweißgebadet. Daran erinnere ich mich heute nicht, aber sehr klar an das Folgende.

Plötzlich war ich weit oben im Himmel und schaute von dort in unsere Wohnung und auf meinen Körper, der starr im Kinderbett lag. Das fühlte sich neutral an, weder schreckte es mich, noch gab es irgendeine Bewertung. Aber was um diesen leblosen Körper herum geschah, störte meine Betrachtung.

Meine Eltern waren außer sich, rannten herum und versuchten allerlei mit meinem Körper. Ihre Verzweiflung wunderte mich da oben, wo ich in einem restlos glücklichen Zustand war - völlig klarsichtig, aber dem Leid der Welt da unten entrückt.

Allerdings hätte ich meine Lieben gerne erreicht, um ihnen die Wahrheit kund zu tun. Aber, seltsam zu sagen: trotz dieses mitfühlenden Moments war kein Problem in meinem so klaren Geist. Dass ich ihnen die für mich sinnlose Verzweiflung nicht ausreden konnte, obwohl ich es wollte, blieb nicht in mir hängen.

Ich schaute ruhig weiter zu: mein Vater rannte zum Motorrad, fuhr im Höllentempo durch das Tal und kam mit dem Hausarzt am Rücksitz zurück zum Haus; beide stürzten in die Wohnung, der Arzt kam an mein Bett und holte eine Spritze aus der mir vertrauten Arzttasche.

Es folgte das in meiner Erinnerung Schlimmste: ich fand mich plötzlich wieder in meinem schmerzenden Körper, hatte keine Wahl.

Vorbei war der wunderbare Zustand, in Klarheit glücklich, weit oben im Himmel!

Eines weiß ich auch noch genau: wie böse ich auf den guten Onkel Doktor war.

© Brigitte Kronabetter