Dem Horror entlaufen

Ich kam zum Studieren nach Salzburg, zu meinem "Glücksort". Sooft es mir Studium und Arbeitszeiten als Uni-Hilfskraft erlaubten, erwanderte ich diese traumhaft schöne Stadt. Mit meinem klapprigen Fahrrad erweiterte sich der Radius. Am liebsten ging ich auf den Untersberg oder, wenn wenig Zeit war, auf den Gaisberg. Immer allein, um die Glücksgeschenke der Natur voll auszuschöpfen.

An einem schönen Vormittag im Frühling hatte ich einige Freistunden - passend für eine Gaisbergtour. Also radelte ich nach Parsch und ging zügig den breiten Waldweg hinauf. Unten leuchtete das junge, transparente Grün der Laubbäume im Sonnenlicht, es erschien mir wie ein Hymnus auf das Leben. Dann ging es durch immer dichteren Fichtenwald, der nach dem strahlenden Grün besonders düster wirkte. Ich durchquerte ihn rasch, in Erwartung der nahen blühend-bunten Frühlingswiesen. Bald, nach der nächsten Biegung, sollten sie sich von weitem zeigen.

Aber da blickte ich nicht in das vertraute "Lichtbild" sondern sah einen Mann durch den finsteren Wald entgegen kommen: groß und hager, verwahrlost wirkend; schon aus etwa 50 Metern Entfernung zeichnete sich ein bleiches Gesicht mit harten Zügen ab, verschlossen-unheimlich.

Mich naives Landkind, das von Kindesbeinen an gerne allein, ohne Angst vor Begegnungen unterwegs war, schauderte es. "Furcht, Angst" wären keine Worte für diesen Moment. Es war eine Art blitzartige Erkenntnis, die mir zugleich den Fluchtplan "für alle Fälle" lieferte. Zutiefst entschlossen und gewappnet ging ich zügigen Schrittes weiter auf den Mann zu. Als der Fremde grußlos an mir vorbeizog, sah ich innerlich "schwarz" - etwas wie eine absolute Finsternis ging mit ihm mit. Ich war schon als Kind gewöhnt, Energie zu sehen, aber nie als Schwärze, sondern als Lichterscheinung.

Diese Finsternis war mir zwar neu, aber vielsagend: HORROR! Planmäßig ließ ich den Mann, der zunächst weiterging, nicht aus den Augen, ohne merkbar zurück zu schauen. Er ging immer langsamer, ich fühlte wie mein Körper sich bereit machte. Gerade kam ich an eine Wegkreuzung, ein schmaler Pfad führte nach rechts durch dünne Fichten. Da kehrte der Mann um.

Ich bog rechts ab und rannte los, so schnell ich konnte. Ihn hörte ich schräg aufwärts durch Gestrüpp brechen. Durch die Abkürzung kam er mir rasch näher, mit laut keuchendem Atem. Aber er kannte meinen Plan nicht, der aufging, bevor er mich erreichte. Denn ich war ca. 20 Meter vor ihm unter dem Gaisberglift angekommen, der an diesem Tag viele Sonnenhungrige beförderte. Etwa zwei Meter über mir neckten mich einige. Sie konnten freilich nicht ahnen, warum ich über die steile Lifttrasse hinauf hetzte.

Als ich anhielt und zurückschaute, sah ich den Mann am Waldrand stehen. Von meinem Blick getroffen, tauchte er ab und verschwand in der Düsternis, aus der er gekommen war. Nach einer Ruhepause in der Sonne kehrte ich über Wiesen zum Rad zurück. Danach bin ich nie mehr allein auf den Gaisberg gegangen.

© Brigitte Kronabetter