Omi Leopoldine

Omi Leopoldine, im Zeichen Löwe geboren, war die Mutter meines Vaters. Von zierlicher Gestalt, kleidete sie sich bis ins hohe Alter in kühne Farbkompositionen. Auch an Wochentagen trat sie mit extravaganten Hüten und Schuhen auf. Rot war ihre Lieblingsfarbe.

Von Beruf Schauspielerin, erzählte sie mir oft von ihrer Blütezeit, als großes Talent in der Ausbildung und mit ersten erfolgreichen Bühnen-Auftritten. Doch bald endete dieses Berufsglück mit dem JA auf den Heiratsantrag von Großvater Felix.

Der Ernst des Lebens brach über die heißblütige Leopoldine durch das Diktat der Schwiegereltern herein. Der "liederliche" Beruf mußte vor der Hochzeit aufgegeben werden. Gutgläubig opferte sie ihre Berufung dem "Eheglück".

Aber die Ehe konnte Omi nicht den Beruf ersetzen, nach der Geburt des Sohnes entgleiste die Liebesbeziehung. Mit gestutzten Flügeln lebte sie in unbewußtem Rachefeldzug und wendete ihre Schauspielkunst in der Familie an, mit großen Auftritten im Eheleben. Wenn es hart auf hart ging, inszenierte sie Dramen: Atemnot, Herzanfall, Kollaps, Ohnmacht und lange Rekonvaleszenz. Von Fachärzten kam die Diagnose: schwer herzkrank, mit schlechter Prognose.

Tatsächlich fiel aber mein lieber Opa Felix viel zu früh tot um: Herzinfarkt. Omi lebte als agile, wenn auch nervenschwache Witwe noch fast 30 Jahre; die einstige Liebe wurde ihr in der Trauerzeit wieder bewußt.

Vor mir gab sie nie "Auftritte", war gefühlvoll, heiter und großherzig - bis zuletzt bei klarem Verstand. Alles konnten wir einander anvertrauen, sie mir ihr Drama des ungelebten und ungeliebten Lebens, ich ihr meine allgemein als "Spinnereien" gerügten Einsichten, Träume oder Probleme. Meine Einfühlungsgabe wurde durch sie früh geübt. Omi litt an depressiven Stimmungen und Angst-Anfällen, worüber wir offen sprachen. Ich konnte ihr helfen und genoß die Erleichterung mit ihr. Ohne erhobenen Zeigefinger nahm sie mich mit meinen Schwächen ernst. Wenn meine Eltern nervten, hielten wir listig-vereint dagegen.

Kurz bevor ich zum Studium abreiste, saßen wir einmal still einander gegenüber. Da ging es wie ein Ruck durch sie. Mir in die Augen blickend sagte sie: "Ich will als DEIN SOHN wiederkommen - nie mehr als Mädchen!" Meine Resonanz war zu tief, um zu sprechen; ich nickte zustimmend, dann gingen wir schweigend hinaus.

Wir trafen uns oft, zum letzten Mal am Krankenbett. Sie hatte sich mit 95 bei einem Sturz schwer verletzt. Ich sollte ein Auslands-Stipendium antreten, wäre jedoch am liebsten bei ihr geblieben. Wir sprachen wenige Worte, doch intensiv in Herz & Seele. Dann legte sie entschlossen die Hand auf die meine "Du musst fahren, geh' jetzt - wir sehen uns wieder". Sie schaute hinaus in die Abendsonne, ich folgte ihr und ging.

Bald darauf, ich praktizierte bei einer Ausgrabung in Griechenland, kam ein Kollege mit Post.

Omi war begraben. Ich schaute in den tiefblauen Himmel, bis der ziehende Schmerz in Brust und Hals sich löste.

© Brigitte Kronabetter