Du bist nicht allein

Schöner, winterkalter Adventstart! Es hatte lange geschneit und plötzlich aufgeheitert. Frühabends marschierte ich los zu einer Einladung. Das Ziel lag in einer Ebene unter dem mythenreichen Untersberg. Sobald ich die beleuchteten Straßen Maxglans hinter mir hatte, stapfte ich auf schmalem Pfad durch Pulverschnee, der in den Lichtreflexen Salzburgs glitzerte.

"Advent - Erwartung der Ankunft" hätte ich mir anders gewünscht, z. B.: mit meinem Mann gemeinsam der Feier entgegen zu gehen. Nun ging ich vorgeneigt, mit starrem Blick und lustlos in Richtung des kleinen Holzhauses, wo sich bald eine gemütliche Runde versammeln würde.

Es hatte Krach gegeben, wir waren entzweit - nach scheinbar untrennbarer Zweisamkeit unserer bisher unbeschwerten Studentenehe. Freilich: Vorzeichen gabe es seit einiger Zeit, sie wurden wie Hirngespinste verscheucht.

Einsamkeit war mir bisher kein Angst-Thema, im Gegenteil: als naturverbundene Einzelgängerin fühlte ich mich im Leben geborgen - wie sich wohl ein Embryo im Leib einer liebenden Mutter fühlen mag.

Geradezu brutal packte mich inmitten romantischer Naturschönheit ein unbekanntes Gefühl: existenziell verloren zu sein - gejagt, gewürgt und hilflos! Fassungslos musste ich gleichsam innerlich vor mir niederknien, um den Einbruch von Verzweiflung mitten in ein scheinbar ungefährdetes Leben zu packen. Langsam mit "Haut und Haaren" in ein NICHTS als einzige Wirklichkeit gleitend, durfte ich ruhig darin anhalten.

Ganz von selbst wendete sich mein Blick zum Himmel. Wie ein Samtteppich voller mir zuzwinkernder Sterne schien er mir entgegen zu wachsen, durch alle Zellen antwortete Etwas in mir.

Als wäre das Leben nie anders als wunschlos glücklich, war der Sturm der Verzweiflung verstummt. Da stand ich wie verzaubert mit dem Blick auf einen Stern geheftet und plötzlich kam die Botschaft: "Du bist nicht allein!" Ich spürte das deutlich, als käme es vom Stern zu mir und erklänge aus mir heraus.

Demütig und dankbar stapfte ich weiter, aufrecht, mit weit gewordenem Blick, durch diese prächtige Nacht.

Schließlich kam ich beim hell erleuchteten Haus an und war froh, aus der Winterkälte in die warme Stube zu Freunden zu kommen. Die Frage, warum mein Mann nicht mitkam konnte ich lächelnd beantworten - ohne zu lügen, denn er hatte tatsächlich "nur zu tun".

Bald danach wurde mir grundlos übel - ich bekam Verdacht und wurde fündig: Schwangerschaft! Die Ehekrise hinderte mich nicht, diese Art von "Advent" in langen Monaten stillen Glücks zu genießen.

Im August kam pünktlich Sohn Felix zur Welt, im Zeichen des Löwen, nahe dem Geburtstag meiner verstorbenen Omi Leopoldine. Es war eine leichte Geburt.

© Brigitte Kronabetter