Eskapaden eines Mäuserichs

An einem sonnigen Frühlingstag war ich früh unterwegs mit meinem Hund Fennek. An die Uni durfte er nicht mit, da mein Doktorvater mich einem Wiener Professor vorstellen wollte - mit anschließendem Mittagessen. Es ging für mich um ein Stipendium und der beliebte "Institutshund" Fennek war ausnahmsweise unerwünscht.

Wir bogen am Rückweg um eine scharfe Ecke und sahen nahe vor uns eine Katze, die soeben ein Mäuslein fing. Fennek und ich waren uns sofort einig: er kümmerte sich um die Katze, sie ließ die Maus fallen, die ich aufhob. Beide waren verdutzt, die Katze hinter einem Zaun verbarrikadiert, die Maus starr in meiner Rechten. Die empörte Katze wartete sichtlich auf die Maus, also ließ ich sie nicht gleich frei. Nach einigen Schritten schoss sie aber wie ein Sektkorken aus meiner Hand hoch und war für mich nicht mehr zu sehen.

"Sehr gut", dachte ich, denn die Zeit drängte. Während ich mit Fennek rasch heimging, fielen mir seine Blicke auf. Er schaute wie zweifelnd an mir hoch, seinen Kopf schiefhaltend, zu meinem großen, pelzigen Mantelkragen lauschend. Eine Ahnung befiel mich, ich verdrängte sie und brachte Fennek rasch in die Wohnung. Dann rannte ich zum Bus, den ich gerade noch erreichte. Er war ziemlich voll, ich blieb mittig stehen. Einige Leute bewarfen mich geradezu mit seltsamen Blicken. Ich setzte meine gelassenste Miene auf, verbot mir Fragen, warum sie so schauten. Den "aufsässigen" Leuten im Bus entronnen, kam ich im Eilschritt ins Institut, wo der Professor aus Wien soeben in der Bibliothek empfangen wurde. Ich reihte mich in den Kreis im hohen Residenzraum ein und wurde vorgestellt.

Da fiel ein Mäuslein aus meinem Kragen mitten in den Menschenkreis. Für einen langen Sekundenteil starrten wir alle auf das graue Tierchen, das in Schreckstarre auf dem rotem Adneter Marmor saß. Mir schoss durch den Kopf, welche Gefahr den wertvollen Büchern drohte. Blitzschnell konnte ich die Maus packen, worauf sie mich herzhaft in den Daumen biß - er blutete.

Man brachte mir eine Schachtel, um den kleinen Übeltäter sicher zu verwahren. Dem Professor ging die Geschichte zu Herzen, auch aus Sorge um mich. Angeblich häuften sich in Salzburg gerade Fälle von Tollwut. Jemand kannte einen Tierarzt, zu dem mich mein Doktorvater sofort für einen Tollwut-Test der Maus schickte. Erst danach sollte das Mittagessen beginnen.

Ungern folgte ich, die Tötung der Maus befürchtend. Doch der Tierarzt, ein älterer Herr, lächelte mir verschmitzt zu. "Das haben wir gleich", sagte er und setzte die Maus in ein großes Glas. Er beobachtete sie mit mir gemeinsam. Alsbald kam sein Urteil: "Ein kerngesunder Mäuserich. Lassen Sie ihn neben dem Haus, in meinem Garten aus"! Honorar verlangte er nicht, dafür fand er die Geschichte zu originell.

Das Mittagessen mit den Professoren schmeckte, die Stimmung war gelöst. Der Professor aus Wien fand die Mäuserich-Story unvergesslich. Von meinem Stipendium war keine Rede mehr. Es war inzwischen genehmigt.

© Brigitte Kronabetter