Die Dame im Bus

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Die Dame im Bus | story.one

Auf einmal saß sie da, mir gegenüber auf dem soeben frei gewordenen Sitzplatz im Bus Nummer 29. Sie schien erleichtert ob der Tatsache, dass sie zu dieser Zeit, da in Paris wieder einmal gestreikt wurde, überhaupt einen fahrenden Bus ergattert hatte. Als dieser am rückwärtigen Ausgang des Palais Royal vorbeifuhr, betrachtete ich den Mantel, der jetzt mit ruhiger Miene dasitzenden Dame. Es musste einmal ein edles Modell gewesen sein, dessen leicht abgewetzte Kanten auf eine lange zurückliegende Kollektion der Haute Couture deuteten. Ihre feingliedrigen Hände hielten eine Tasche, die durch die quadratischen Stepplinien auf dem Leder und das unverkennbare Monogramm der großen Modeschöpferin auf ihre Herkunft aus dem Hause Chanel deutete. Es sah aus als hielt sie einen Schatz, und nicht nur eine Handtasche, die mit allerhand Utensilien gefüllt war. Die Ränder der Tasche, die an einer goldschimmernden Kette hing, waren etwas abgerieben. Wie viele Jahre oder Jahrzehnte mochte diese schon mit Selbstbewusstsein getragen worden sein? Oder hat die Dame sie bloß günstig am Flohmarkt erstanden, um sich den Anschein von - allerdings verblichener - Eleganz zu geben? Ein dunkelbraunes Halstuch aus erlesenem Material – es muss wohl Mohair gewesen sein – war in einem schicken Knoten um ihren Hals geschlungen. Eigentlich passten die einzelnen Garderobestücke nicht wirklich zueinander. Sie vermittelten vielmehr den Eindruck von Individuen, die ihre ganz persönliche Geschichte hatten, und wirkten wie Relikte aus einer vermeintlich besseren Zeit, die wieder zu einander gefunden hatten.

Nun wurde ich neugierig und wagte es, ihr offen ins Gesicht zu blicken. Da entdeckte ich wie auf einer Landkarte in ihren Gesichtszügen die Spuren von Lachen, größter Anstrengung, extremer Disziplin und Selbstbeherrschung. Ob diese Selbstdisziplin ihr Sieg im Leben war? Ihre langen blonden, schon etwas schütter gewordenen Haare umrahmten dieses Seelenlandschaftsbild wie ein goldener Bilderrahmen. Vielleicht war sie einmal Tänzerin gewesen und hatte die einstmals blonde Pracht im Nacken zu einem Knoten gebunden getragen? Und, wer weiß, vielleicht waren die kostbaren Garderobestücke Geschenke, die sie in ihrer Glanzzeit von einem Verehrer bekommen hatte…….

Inzwischen waren wir an der Place des Victoires angelangt, einem jener intimen, im Rund abgeschlossenen Pariser Plätze, in deren Mitte ein Reiterstandbild thront. Plötzlich schreckte sie auf, als wäre sie in ihrer Ruhe gestört worden, eilte zum Ausgang, und verließ den Bus bei der nächsten Haltestelle. Ihr Modellmantel machte dabei eine schwingende Bewegung, und während ein vom Wind aufgehobener Wirbel von braunen Blättern im Drehen hinter ihr her tanzte, entzog sie sich meinen Blicken. Es war Herbst geworden in Paris.

© Brigitte Thonhauser 26.05.2019