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Die Wurstsemmel

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Die Wurstsemmel | story.one

Bei meiner Entlassung aus der Tagesklinik nach einer Operation am Grauen Star bekam ich ein Lunchpaket ausgehändigt. Als ich darin eine Wurstsemmel entdeckte, überkam mich eine sonderbare Freude. Für Viele mag es nichts Besonderes sein, doch in mir stiegen damit wunderbare Kindheitserinnerungen aus einer Zeit auf, in der eine Wurstsemmel noch ein Luxusgegenstand war:

In den Fünfzigerjahren bekam ich von zu Hause immer ein Schmalzbrot in die Schule mit. Mit Stielaugen lugte ich auf die wenigen Privilegierten in meiner Klasse, die eine Wurstsemmel aus ihrem Jausensackerl zogen. Als ich meiner Mama gegenüber einmal erwähnte, dass ich auch gerne einmal etwas Anderes als Schmalzbrot hätte, huschte über das Gesicht meiner Großmama, die daneben stand, ein verständnisvolles Lächeln. Aber es bliebt beim Schmalzbrot.

Großmama war eine herzensgute, etwas bigotte Frau, die mich manchmal zu Spaziergängen der besonderen Art einlud. So besuchten wir eines Tages den Kalvarienberg bei der Weinhauserkirche unweit ihrer Wohnung im 18. Bezirk, wobei sie mir die einzelnen Stationen der Leidensgeschichte Jesu erklärte. Als wir am Gipfel angekommen waren, zog sie plötzlich ein Päckchen aus ihrer Tasche und legte es mir in die Hände. Zu meinem größten Erstaunen befand sich darin eine Wurstsemmel. Sie meinte nur, die hätte ich mir verdient. Ich strahlte über das ganze Gesicht, doch hatte ich auch meine Bedenken, denn ich wusste, dass meine geliebte Großmama von einer minimalen Kriegshinterbliebenenrente lebte und sich diese Kostbarkeit wohl vom Munde abgespart haben musste. Als wir meine Erstkommunionkerze in einer Devotionalienhandlung neben dem Stephansdom einkaufen gingen, erzählte sie mir unterwegs zwischen der Liechtensteinstraße und dem Stephansplatz Geschichten aus dem alten Wien, von der Türkenbelagerung, vom Eisstoß auf der Donau in so manchen kalten Wintern und von der Überschwemmung nach der Schneeschmelze, wodurch das Wasser in die Keller im neunten Bezirk eindrang und sie als Kind im Waschtrog darin Schifferl fahren durfte. Zur Belohnung für den langen Fußmarsch bekam ich wieder eine Wurstsemmel. Besonders liebte ich unsere Spaziergänge durch Wien zu Ostern. Am Karfreitag nachmittags zeigte mir Großmama die am schönsten geschmückten „Heiligen Gräber“. Nachdem wir unsere Runde absolviert hatten, zog sie wieder die inzwischen gewohnte Wurstsemmel aus der Tasche. Kaum hatte ich mit Genuss hinein gebissen, blieb mir auch schon der Bissen im Hals stecken, denn ich erinnerte mich, dass ja Karfreitag war, der strengste Fasttag des Jahres in der Katholischen Kirche. Ich wurde ganz blass und erwartete, dass sich ein Abgrund auftun und mich die Hölle zur Strafe für meinen Fleischgenuss verschlingen würde. Da lächelte mich meine Großmama gütig an und sagte: „Ich glaube, der liebe Gott hat eine große Freude, wenn dir deine Wurstsemmel schmeckt. Iss ruhig weiter und lass sie dir schmecken …..“

© Brigitte Thonhauser 2019-07-09

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