Ein Liebesgedicht von Puschkin

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Vor ein paar Jahren bekam ich einen Brief aus München mit einer Einladung zu einer Tasse russischen Tees von einem mir unbekannten Absender. Zuerst konnte ich mir nicht erklären, wieso ich zu dieser Ehre kam, doch als der Briefschreiber ein Gedicht von Puschkin erwähnte, durch das ich Ihm und seiner Frau in einem schweren Augenblick ihres Lebens so viel Freude gemacht hätte, erinnerte ich mich an eine Begebenheit in den frühen Achtzigerjahren.

Im Rahmen einer Auswanderungswelle von Juden aus Russland kamen damals einige Gruppen auch in Wien an, wo sich eine Hilfsorganisation im 2. Bezirk um sie kümmerte. Eines Tages wurde ich von einem dort arbeitenden befreundeten Ehepaar gebeten, mich um ein nicht jüdisches russisches Ehepaar zu kümmern, das es geschafft hatte, mit den Juden auszureisen. Ich hatte in der Schule zwar am Freifach Russisch teilgenommen - eigentlich um die Angst zu überwinden, die ich als Kind vor den russischen Besatzungssoldaten mit ihren dicken Pelzmützen und schweren Stiefeln gehabt hatte - doch war der Unterricht damals nicht auf Konversation ausgerichtet. Wir hatten nur literarische Texte gelesen und diese, ähnlich wie im Latein Unterricht, mühsam übersetzt. Und wer kann sich schon – auch nach mehreren Jahren Unterricht - auf Latein unterhalten?

Ich fuhr also mit gemischten Gefühlen nach Wien, wo ich das russische Ehepaar treffen sollte. Vergeblich versuchte ich, mir unterwegs aus der Erinnerung einige Worte der Begrüßung zusammenzustellen, doch mir fehlte das Vokabular dazu. Als ich nun den beiden gegenüberstand fiel mir nichts anderes ein als ein Liebesgedicht des großen russischen Dichters Alexander Puschkin, welches ich auswendig zitierte. Zu meinem Erstaunen sah ich, wie sich die Augen der Frau dabei mit Tränen füllten. Als ich mit meinem Text fertig war, begann sie als Antwort darauf dasselbe Gedicht in der Vertonung von Tschaikowsky zu singen. Danach fielen wir uns in die Arme, und damit erübrigten sich alle weiteren Gespräche. Wir hatten zueinander gefunden. Dann nahm ich die beiden zum Tee trinken mit nach Hause. Mit Hilfe meines russischen Wörterbuches fand ich heraus, dass sie eigentlich nach Deutschland wollten. Dazwischen haben wir das Liebesgedicht von Puschkin immer wieder zitiert: Eine außergewöhnliche Art der Verständigung - doch wie Balsam für unsere Seelen.

© Brigitte Thonhauser