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Engel

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Engel | story.one

Wer es sich in den Fünfzigerjahren leisten konnte, fuhr nach Italien und kehrte mit vielen bewunderten Trophäen zurück: Chianti in der Korbflasche, Schuhe aus feinstem Leder, dazu passende Gürteln und Taschen etc. Ich sah mit Begeisterung die Diavorträge solcher Reisender und träumte davon, auch einmal in das Land, wo die Zitronen blühen, zu fahren.

Endlich, wenn auch mit einiger Verspätung, war es auch bei uns so weit, und wir fuhren 1956 mit dem frisch erstandenen Fiat 1400 gegen Süden, meine Eltern, meine Großmama, mein Kleiner Bruder, der damals noch ein Baby war, und ich. Kaum hatten wir die österreichisch/italienische Grenze passiert, begann es zu regnen. Papi meinte noch, das Auto fühlte sich spürbar wohl in seiner angestammten Heimat, da geschah es: in einer Linkskurve glitt der Wagen gegen einen Randstein, überschlug sich und kollerte einen Hang hinunter. Es rumpelte fürchterlich, Glassplitter wirbelten durch den Raum und es wurde immer staubiger und heißer im Inneren bis wir endlich mit den Rädern seitlich in der Luft liegen blieben. Die Erwachsenen zwängten sich mit Hilfe herbeigeeilter Leute aus der Umgebung durch die zerborstene Windschutzscheibe ins Freie, mein kleiner Bruder war durch ein zerbrochenes Fenster auf die Wiese geschleudert worden, doch alle blieben wie durch ein Wunder bis auf kleinere Schnittwunden relativ heil. Als die Helfer fragten, ob wohl alle schon gerettet seien, bejahte Papi dies, nicht ahnend, dass ich noch auf der rückwärtigen Bank eingezwängt zurückgeblieben war. Ich hatte natürlich einen Schock und zitterte am ganzen Körper. Während alle den Hügel hinaufgingen, fühlte ich mich sehr verlassen und rang nach Luft, da es immer stickiger im Inneren wurde. Bei der zerborstenen Windschutzscheibe konnte ich nicht hinaus, da inzwischen zu viele Glassplitter davor lagen, an denen ich mich zerschnitten hätte. Da kurbelte ich mit letzter Kraft das Fenster im hinteren Teil des Wagens herunter und rief um Hilfe. Plötzlich tauchten zwei Motorradfahrer auf, stellten ihre Fahrzeuge am Straßenrand ab, und kamen den Hügel herunter gelaufen. So zogen sie mich im letzten Moment aus der Fensteröffnung, denn hinter mir schoss eine Stichflamme aus dem Wrack. Ich fühlte mich erschöpft und dennoch geborgen als mich die starken Arme des Burschen umfingen, der mich den Hang hinauf trug. Oben angekommen stellte er mich auf den Boden fragte mich auf Deutsch, ob ich wohl in der Lage wäre, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich konnte ihm kaum antworten, als ich sah, wie das Auto explodierte und in Flammen aufging. Als ich mich umdrehte, um meinen Lebensrettern zu danken, waren diese verschwunden. Niemand von den Anwesenden hatte Motorradfahrer gesehen oder gehört. Es müssen dann wohl Engel gewesen sein……..

© Brigitte Thonhauser 2019-05-27

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