Gartenerde

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Gartenerde | story.one

Wenn man den Garten in voller Blüte sieht, den Rasen gleichmäßig wie einen Teppich ausgebreitet, das Gemüsebeet voll mit frischen Zutaten für eine gesunde Küche, und die Weintrauben zum Greifen nah in der Laube herunterhängen, so denkt man kaum an die viele und langjährige Mühe, die dahintersteckt bis es soweit ist. Mir war dieser Flecken Erde als Erbteil zugefallen, nachdem keiner der Verwandten dieses mit einer Jauchengrube und Trestern belasteten und von allen als Misthaufen benutzten Grundstück haben wollte. Es besaß nicht nur keinen Straßenzugang, sondern zeichnete sich auch durch einen besonders schlechten Boden aus. Dieser war im Sommer steinhart und verbarg neben Steinen und Fossilien aus dem Pannonischen Meer, das seinerzeit diese Gegend überzogen hatte, auch jede Menge an Scherben, Erinnerungsstücke an alte Kaffeetassen und Teller meiner Großtanten. Dennoch wuchsen darauf inmitten von Disteln und Kletten ein paar uralte Weinstöcke, die aber kaum Trauben trugen, sowie drei Marillenbäume, die noch mein Urgroßvater gepflanzt hatte und deren Kraft sich bald erschöpft hatte, sodass wir sie schließlich ausreißen mussten. Als wir mit der Rodung dieses Terrains begannen, mussten wir die Scherben einzeln herausklauben, das Unkraut wurzeltief ausreißen und frische, wie wir glaubten, gute Erde aufbringen lassen, die wir mit dem Lastwagen aus Schwechat kommen ließen, wo gerade die neue Piste für den Flughafen gebaut wurde. Was wir damals aber nicht ahnten, war, dass diese Erde durch die vorhergegangene Monokultur alles andere als fruchtbar war. Für den Rasen mochte es halbwegs reichen, doch im Blumen- und Gemüsebeet hatten wir ein Problem. Also legten wir einen Komposthaufen an, auf den alle Gemüsereste, Blätter sowie der abgemähte Rasen so lang lagerte, bis daraus brauchbarer Humus geworden war. Jahr um Jahr arbeiteten wir diesen in den Boden ein und freuten uns über dessen fortschreitende Verbesserung. Einmal wollten wir ein Übriges tun und mengten Pferdemist unter, doch dieser war so scharf, dass alle Pflanzen richtiggehend verbrannten.

Ist nicht unsere Seele auch so etwas wie der Boden, auf dem etwas Gutes gedeihen kann, wenn er in rechter Weise darauf vorbereitet und aller Unrat ausgemistet ist?

© Brigitte Thonhauser 24.05.2019