Kameno Brdo

Der August 1998 neigte sich seinem Ende zu und immer noch hustete ich ganz entsetzlich. Da alle Medikamente nichts geholfen hatten, empfahl mir der Hausarzt einen Aufenthalt am Meer, um diese hartnäckige Bronchitis loszuwerden. Auf der Suche nach einer Gegend mit Pinienwäldern, die Linderung versprachen, fiel mein Blick auf die kroatische Insel Koločep, die noch dazu Malerinsel genannt wurde. Also buchte ich einen Flug nach Dubrovnik und nahm meine damals zehnjährige jüngste Tochter mit. Von dort ging es mit der Postira, dem Fährschiff, nach Koločep, wo wir im einzigen Hotel der Insel abstiegen.

Während meine Tochter im Hotel an einem Kinderprogramm teilnahm machte ich mich auf, um die Insel zu erkunden und die Maler zu suchen. Alle Leute, mit denen ich ins Gespräch kam, versicherten mir, dass der letzte Maler, ein Serbe, während des Krieges die Insel verlassen hätte. Wenn ich aber mehr über die Insel erfahren wollte, sollte ich mich an Frau Bibica wenden. Also machte ich mich auf die Suche nach dieser Dame. Unterwegs entdeckte ich herrliche Klippen und Strände am türkisblauen Meer, und atmete in vollen Zügen den kräftigen Duft der Pinien ein. Schließlich kam ich an einem kleinen idyllischen Friedhof mit einer alten Kapelle vorbei. Dort setzte ich mich auf einen Stein und malte ein gegenüberliegendes Haus, das mir besonders auffiel. Als ich mich dann diesem näherte, sah ich das große Blechtor, an das mir zu klopfen empfohlen worden war. Ich rief nach Frau Bibica und von Innen ertönte eine Stimme auf Deutsch „Kommen Sie nur herein“. Und damit begann eine wunderbare Geschichte, die zehn Jahre bis zu deren Tod andauern sollte.

Sie erzählte mir von den Schiffswerften, die es in früheren Jahrhunderten auf dieser einzigartigen Insel gegeben hatte, von den Kapitänen, die exotische Pflanzen mitbrachten, von ihrem alten Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann, der aus einer Dubrovniker Adelsfamilie stammte, renoviert hatte. Es hieß Kameno brdo, Steindorf, und bestand ursprünglich aus einer Ansammlung mehrerer Gebäude, die aber bei Erdbeben eingestürzt waren. Im verwilderten Garten wuchsen Maulbeer-und Granatapfelbäume, Zitronen und Orangen. Und da standen noch die schlanken dalmatinischen Säulen, an denen sich die rote Bougainvilea entlang rankte. Fließendes Trinkwasser oder ein Bad gab es nicht, dafür aber eine Zisterne mit kühlem Wasser. Wollte man am Abend duschen, so musste man tagsüber die Gießkanne mit Wasser gefüllt an die Sonne stellen, um sich damit zu übergießen. Strom wurde durch Sonnenkollektoren erzeugt. Dafür gab es eine reichhaltige Bibliothek, ein Klavier und Silberbesteck, aber ansonsten war alles auf das einfachste Leben ausgerichtet. Wir führten viele wunderbare Gespräche und schließlich gab sie mir einen Schlüssel und lud mich ein, jederzeit hier zu wohnen, ich sollte nur immer etwas für das Haus mitbringen. Fürs Erste schenkte ich ihr das gerade eben gemalte Bild von Kameno Brdo.

© Brigitte Thonhauser