Meine ersten Margeriten

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Meine ersten Margeriten | story.one

Bevor unser neues Haus in Perchtoldsdorf bezugsfertig war, träumte ich bereits von einem mit Margeriten übersäten Blumenbeet in unserem Garten. Also kaufte ich Samen, säte sie in kleine Töpfchen, und stellte diese in das Doppelfenster unserer alten Wiener Wohnung. Da die Atmosphäre dort wie in einem Glashaus war, zeigten sich bald die ersten Triebe. Als die Pflänzchen stark genug waren, nahm ich sie mit nach Perchtoldsdorf und pflanzte sie in das dafür vorgesehene Beet. Das Wetter war herrlich in jenem Mai und es regnete auch genug in der Nacht, sodass ich mir keine Sorgen um das Gießen während der Woche machen musste. Damals wohnten wir ja noch in Wien und fuhren nur am Wochenende hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Wie groß war meine Freude, als nach zwei Wochen die erste Margerite ihr Köpfchen in den Himmel streckte! Ich freute mich schon darauf, am kommenden Wochenende noch mehr davon vorzufinden. Doch als wir wiederkamen, musste ich zu meinem großen Schrecken feststellen, dass alle Pflänzchen ausgerissen waren. Es gab nämlich damals noch keinen Zaun um unser Grundstück, und so konnte jedermann frei hineingehen. Offenbar wurden sie also gestohlen. Ich war sehr traurig darüber, und musste meinen Traum vom Margeritenbeet vorerst begraben. Ich sage bewusst „vorerst“, denn im darauffolgenden Frühjahr sollte ich Zeuge eines Phänomens werden: Das gesamte Blumenbeet war plötzlich übersät mit Margeritenpflänzchen, die auch alsbald heranwuchsen und erblühten, genauso, wie ich es mir immer erträumt hatte. Was war geschehen? Meine erste Margerite muss in unserer Abwesenheit abgeblüht sein und Samen abgeworfen haben, die – von uns unbemerkt – in die Erde gefallen waren. Dort haben sie auf das nächste Frühjahr gewartet, um zur rechten Zeit darin aufzugehen. Jetzt war ich überglücklich über die Blütenpracht, von der ich reichlich etwas weiter verschenken konnte, aber ich hatte auch etwas für mein Leben aus dieser Geschichte gelernt:

Es ist niemals vergeblich, den „guten Samen“ ausgesät zu haben, auch wenn wir manchmal glauben, dass alles Reden und Bemühen zu nichts geführt hat und die Lage aussichtslos erscheint. Wer weiß, ob nicht im Verborgenen doch etwas hängen geblieben ist, und zu seiner Zeit – ohne unser weiteres Zutun - zum Tragen kommt?

© Brigitte Thonhauser 24.05.2019