Mondscheinsonate

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Mondscheinsonate | story.one

Im Alter von zwanzig Jahren ging ein lange gehegter Herzenswunsch von mir in Erfüllung, nämlich für eine gewisse Zeit nach Paris zu gehen und dort als Übersetzerin zu arbeiten. Ich hatte bereits die Zusage von Pathé-Marconi, doch dauerte es sechs Monate, bis alle Formalitäten erledigt waren, die damals für eine Einreise nach Frankreich notwendig waren. Nach einer intensiven Befragung an der Französischen Botschaft in Wien über die Beweggründe meiner Reise und nach Vorlage ärztlicher Atteste über meinen Gesundheitszustand kam endlich die Einreisebewilligung, und ich konnte den Orientexpress nach Paris besteigen.

Meine erste Wohnung befand sich in einem typischen alten Pariser Haus zu Füßen des Montmartre. An der Pforte saß die „concierge“, eine Art Hausmeisterin, die über alle Vorgänge im Haus bestens Bescheid wusste. Ich fühlte mich als Ausländerin von ihr mit Argusaugen verfolgt und war bemüht, mich tunlichst so zu benehmen, dass sie keinen Anstoß an mir nehmen konnte. Die Räume in dieser Wohnung waren winzig, doch die fast bis zum Boden reichenden französischen Fenster mit den hübschen schmiedeeisernen Gittern davor schafften die Illusion von mehr Raum. Außerdem konnte man von den bequemen Louis-Philippe Fauteuils aus in einen begrünten Dachterrassengarten auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen, in dessen Mitte eine überdimensional große Steinvase mit einer Agarve stand.

Das beste Möbelstück war jedoch ein Pianino, das mir half, so manchen schwierigen Moment im Anfang meines Aufenthaltes, in dem ich mir meines Fremdseins schmerzlich bewusst wurde, zu überwinden. Ich setzte mich an das Instrument und vergaß die Repressalien beim Anstellen vor der Fremdenbehörde um den wichtigen Stempel in der Arbeitsbewilligung mitten unter Hunderten von portugiesischen Fremdarbeitern sowie die anzüglichen Bemerkungen der Polizisten, während ich die Stücke spielte, die ich auswendig konnte. Gerne hätte ich auch die Mondscheinsonate gespielt, aber die konnte ich nicht so gut auswendig, und schrieb daher an meine Eltern nach Wien, sie mögen mir doch die Noten dazu senden. Nach einigen Tagen händigte mir die concierge mit skeptischen Blicken einen dicken Briefumschlag aus, in welchem sich die Noten befanden. Voll Freude setzte ich mich an das Pianino und wollte zu spielen beginnen, als mein Blick auf ein paar Worte fiel, die mit Bleistift ausgerechnet an meiner Lieblingsstelle angebracht waren, wo Beethoven eine Dissonanz eingebaut hatte, die mir stets wie der Hilfeschrei einer verwundeten Seele erschienen war. Hier stand ganz einfach: „Bussi Mutti“. In diesem Augenblick war alle Sorge um das Angenommensein in Frankreich verflogen, ich fühlte mich zu tiefst verstanden und bestätigt, ungeachtet dessen, wie die Pariser mich beurteilen würden. Ich war einfach froh und glücklich, in dieser wunderbaren Stadt sein zu dürfen, und beschloss, das Beste daraus zu machen.

© Brigitte Thonhauser 26.05.2019