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#1sommer1buch#passitto#zibibbio

Pantelleria

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Pantelleria | story.one

An welchem Ort im Mittelmeer könnte man wohl noch im November baden? Unsere Wahl fiel auf die Insel Pantelleria, die wir noch nicht kannten. Ihre Lage zwischen Sizilien und Tunesien schien uns vielversprechend für einen verlängerten Sommeraufenthalt. Außerdem gab es dort besondere Weine, die uns interessierten. Freunde erhoben jedoch warnend den Finger und meinten, es wäre vielleicht riskant dorthin zu fliegen, da vielleicht auch dort Bootsflüchtlinge stranden könnten. Wir ließen uns aber nicht von unserem Vorhaben abbringen, zumal wir vorher noch eine kleine Rundreise durch Sizilien vorhatten.

Mit einem kleinen Flieger von Palermo dauerte es nur fünfunddreißig Minuten, bis wir in einer anderen Welt landeten. Unsere freundliche Quartiergeberin erwartete uns, um uns über enge und steile Straßen zu unserem „Dammuso“ zu geleiten. Wir staunten über die exotische Architektur, die durch ihre Würfelform mit einer Kuppel darauf einen starken arabischen Einfluss erahnen ließ. Doch von sommerlichen Temperaturen war keine Rede. Es war so kalt, dass wir einen Heizkörper benötigten. Zudem begann es heftig zu regnen, was auf dieser trockenen vulkanischen Insel eine Seltenheit ist. Wir trösteten uns jedoch mit dem Gedanken, dass der Regen ein großer Segen für ihre Landwirtschaft war. Da es dort kein Trinkwasser, sondern nur entsalztes Meerwasser gibt, brachte uns unsere Vermieterin große Wasserflaschen und allerhand lokale Spezialitäten zum Trost. Sie riet uns aber, zu den warmen Quellen am Meeresstrand an den schwarzen Lavaklippen bei Gadír zu gehen. Zuvor wollten wir aber noch einige Winzer besuchen, die aus den Zibibbio Trauben den lokalen Wein Passitto machen. Überall wurden wir sehr herzlich empfangen und mit Schmankerln verwöhnt. Offenbar waren wir die einzigen Touristen in dieser Jahreszeit auf der Insel. Es fiel uns auf, dass in den Weingärten die Stöcke in Bodennähe gezogen und rundherum eine Grube gegraben wurde, um diese vor dem Wind zu schützen und das spärliche Wasser aufzufangen. Ein anderes Kuriosum entdeckten wir einmal auf einem Spaziergang durch die Felder in Form einer runden Mauer mit einem kleinen Eingang. Neugierig schlüpften wir hinein und entdeckten darin einen Orangenbaum. Angeblich können die Orangen hier nur so geschützt vor den Winden wachsen. Als der Regen endlich etwas nachließ, gingen wir die steile Straße zum Lavastrand hinunter und fanden die heißen Quellen, die natürliche Lavabecken speisten, wobei die Temperatur in den einzelnen Becken unterschiedlich war, je nachdem wie viel kühles Meerwasser jeweils dazu eindrang. Wir waren die Einzigen am Strand und konnten dieses außergewöhnliche, wildromantische Badevergnügen ungestört genießen.

Beim Abflug aus dieser so andersartigen Welt lieferte uns die Insel noch einen letzten Gruß ihrer rauen Art, indem ein so starker Sturm aufkam, dass wir eine Stunde im Flieger warten mussten, bevor wir abfliegen konnten.

© Brigitte Thonhauser 2020-09-02

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