skip to main content

#1sommer1buch#amishpeople#pennsylvaniausa

Sprechen Sie "Deitsch"?

  • 283
Sprechen Sie "Deitsch"? | story.one

Gemütlich saßen wir bei einem Bier und ein paar Brezeln – nein, nicht beim Oktoberfest in München – sondern in der Lancaster County im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania bei den Amish People. Wir kamen uns vor wie in einer anderen Welt. In dieser lieblichen Landschaft herrschte eine friedliche und entspannte Atmosphäre, die Menschen waren freundlich und gelassen. Autos sah man kaum, dafür aber viele alte Pferdekutschen, die von jungen Männern mit auffallend langen blonden Bärten kutschiert wurden. Seltsamerweise trugen sie jedoch keinen Schnurrbart, denn dieser würde angeblich ans Militär erinnern. Da es Sommer war, trugen sie breitkrempige Strohhüte. Ihre Kleidung war schlicht. Uns fiel auf, dass sie keine Gürtel, sondern breite Hosenträger trugen. Die Frauen trugen schlichte, einfarbige Kleider mit Schürzen und ihre langen Haare hatten sie unter dem typischen Häubchen versteckt. Als wir eine Gruppe von Leuten fotografieren wollten, die auf den Feldern mit landwirtschaftlichen Geräten arbeiteten, die noch von Pferden gezogen wurden, gab man uns unmissverständlich zu verstehen, dass sie das nicht duldeten.

Die Amish waren zwar für ihre streng nach christlichen Prinzipien geordnete traditionelle Lebensweise bekannt, aber es war doch etwas Anderes, mit eigenen Augen einen Einblick in das Leben der Menschen zu bekommen, deren Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert aus Glaubensgründen aus dem süddeutschen Raum hierher geflüchtet waren. Untereinander sprechen sie ihren alten deutschen Dialekt, um sich gegen das Englische abzugrenzen. Die englische Sprache ist für sie nur Mittel zur Kommunikation nach außen. Das sollten wir bald in Lititz erleben. In dem kleinen alten Städtchen war Bauernmarkt, wo die Amish Frauen ihr Obst und Gemüse anboten. Als sie uns in dem bunten Treiben miteinander deutsch reden hören, fragten sie uns: „Sprechen sie Deitsch?“ Da begannen sie freudig in ihrem Dialekt auf uns einzureden, doch bald merkten wir, dass wir Schwierigkeiten hatten einander zu verstehen. Also unterhielten wir uns lieber weiter auf Englisch.

Sie erzählten uns von ihrer Sorge, dass Einflüsse von außen ihre enge Gemeinschaft negativ beeinflussen könnten. Deshalb waren sie auch technischen Neuerungen wie Telefon, Fernsehen oder Internet gegenüber skeptisch. Sie fürchteten, dass dadurch das Leben gestört werden könnte, womit sie vielleicht nicht so Unrecht hatten. Um den Jugendlichen jedoch Gelegenheit zu geben, das Leben in der Welt draußen kennenzulernen bevor sie sich für die Unterordnung unter die Gemeinschaft entscheiden, wurde ihnen ein Jahr des „Rumhopsens“ zugestanden. Angeblich kehrten die meisten aber doch zurück, weil ihnen ihre traditionellen Werte zu Hause doch mehr Geborgenheit versprachen als die moderne Welt draußen mit ihren Verführungen.

Dieses Phänomen beschäftige uns noch eine ganze Weile, nachdem wir wieder in unserer gewohnten Umgebung angekommen waren.

© Brigitte Thonhauser 2020-09-09

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Brigitte Thonhauser einen Kommentar zu hinterlassen.