Vier Marillen aus Brünn

Voller Erwartung fuhren wir zum Bahnhof von Genf, um Lycette abzuholen, die von einer im Jahr 1957 noch sehr gewagten Reise nach Brünn zurückerwartet wurde. Sie wollte dort die Mutter ihres Schwiegersohns Olik besuchen, die nach dessen Flucht vor den Kommunisten in Tschechien bleiben musste, und dort ein ärmliches Dasein pflegte. Olik, der inzwischen bei der UNO in Genf arbeitete, litt sehr unter dieser damals bereits fast zehnjährigen Trennung, vor allem aber auch darunter, dass es für beide viel zu gefährlich gewesen wäre, direkten Kontakt miteinander aufzunehmen, geschweige denn ihr eine Unterstützung zukommen zu lassen. Er selbst war kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs eines Tages plötzlich vor unserer Wohnungstür in Wien gestanden und erzählte uns in perfektem Deutsch, dass über ihn die Todesstrafe verhängt worden war, weil er mit dem kommunistischen Regime nicht einverstanden war. Da es in Wien aber noch nicht sicher genug für ihn war, führte ihn sein Fluchtweg bald weiter nach Frankreich, wo er auch seine Frau kennenlernte. Als Jacqueline uns bald darauf in Wien besuchte, bewunderte ich die schicke Französin wie eine Fee aus einem Märchenland. Ich war zu jener Zeit etwa sieben Jahre alt. Es ärgerte mich nur, dass meine Mutter mit ihr immer französisch sprach und ich nichts verstand. Bei ihrem Abschied schenkte sie mir ein Taschentuch, das nach ihrem Parfüm duftete, und lud mich ein, sie im Sommer in Ferney-Voltaire bei Genf zu besuchen, sobald ich in der Schule genügend Grundkenntnisse dieser wunderbaren Sprache erworben haben würde.

Nun war ich da, stand mit Olik und Jacqueline am Bahnsteig und wartete auf den Zug, mit dem die heiß ersehnten Nachrichten aus Brünn kommen sollten. Da tauchte auch schon Lycette aus dem Dampf der Lokomotive auf, und alle fielen sich erleichtert in die Arme. Sie begann zu erzählen, wie die Verständigung mit Oliks Mutter vor sich ging, da diese nicht Französisch und jene nicht Tschechisch konnte. Offenbar flossen viele Tränen, die mehr ausdrückten, als Worte es können. Zu Hause begann Lycette die Mitbringsel auszupacken: ein Rock mit dem traditionellen Blaudruck, eine bestickte Bluse, die leider dem modischen Ideal der Französin so gar nicht entsprachen, doch in Anbetracht der Armut, die damals in Brünn herrschte, waren es sehr kostbare Geschenke. Dann zog Lycette ein kleines Bündel aus dem Koffer und legte es behutsam in Oliks Hände. Dieser knüpfte den Knoten der Serviette auf, und zum Vorschein kamen vier Marillen. Da stand dieser fast zwei Meter große, weltgewandte Diplomat, und die Tränen liefen ihm über die Wangen wie einem kleinen Jungen. Er betrachtete liebevoll die Früchte aus dem Garten seiner Mutter, die er als Kind immer so genossen hatte, wie den kostbarsten Schatz.

Als ich viele Jahre später als Erwachsene wieder einmal in Ferney-Voltaire zu Besuch war, zeigte mit Olik voll Stolz und Freude vier prächtige Marillenbäume in seinem Garten….

© Brigitte Thonhauser