43 ... "lebend wollen wir sie zurück"

  • 147
43 ... "lebend wollen wir sie zurück" | story.one

43 Studenten der Escuela Normal Rural"Raúl Isidro Burgos" in Ayotzinpa (Guerrero, Mexiko), einer Ausbildungsstätte für angehende Grundschullehrer, die aus indigenen oder kleinbäuerlichen Familien stammen, sind in der Nacht von 26. auf 27. September 2014 verschwunden. Auf dem Weg zu einer Veranstaltung in Iguala im Bundesstaat Guerrero mit dem Bus wurde die Studentengruppe angegriffen und anschließend verschleppt. Seither fehlt jede Spur von ihnen.

Im August 2016 bereiste ich als Teilnehmerin einer privaten österreichischen Reisegruppe Ayotzinapa. Diese Reisegruppe interessiert sich für sozial-politische Themen und Projekte und bereiste zwei Wochen Mexiko.

Am Beginn unserer Fahrt nach Ayotzinapa wurde uns erklärt: "Sollten wir auf der Fahrt dorthin nach unserem Reiseziel gefragt werden, laute die offizielle Antwort Acapulco." Zu unserem Schutz wurden wir von örtlicher Polizei begleitet.

In Ayotzinapa angekommen trafen wir wie vereinbart auf Eltern und Studienkollegen der 43 im September 2014 verschwundenen Lehramtsstudenten vor dem Eingang zur "Raúl Isidro Burgos". Begleitet wurden wir von einer Mexikanerin, die eine Vermittlerinnenrolle innehatte. Alle zusammen bildeten wir einen Kreis und präsentierten uns: Wer wir sind, woher wir kommen, was uns antreibt hierher zu kommen.

Im Laufe der Vorstellrunde kamen mehr und mehr Eltern und Geschwister der verschwundenen Studenten näher. Dann rollt ein Vater ein großes Plakat aus, abgebildet ist das Gesicht seines Sohnes. Immer mehr Eltern folgen, ebenso Geschwister. Sie rollen ihre Plakate aus und erzählen über ihre Söhne bzw. Brüder, wie sie heißen, wie alt sie waren zum Zeitpunkt des "Verschwinden-Lassens" wie Sie es nennen und wie alt sie heute sind bzw. wären. Ich nehme Hoffnung, Mut, Trauer, Schmerz, Tapferkeit wahr. Mit meinem minimalen Spanisch-Wortschatz verstehe ich doch den Satz eines Vaters "Sabemos que están vivos" - "Wir wissen, dass sie am Leben sind".

Einige Eltern wohnen seit damals in den Schlafräumen der Ausbildungsstätte ihrer Söhne. Ihre eigentliche Heimat liegt kilometerweit entfernt, wo auch der Rest ihrer Familien lebt. Wiederholt fordern sie die Aufklärung, eine Antwort auf die Frage wo ihre Söhne sind, was in jener Nacht im September 2014 passiert ist, ob sie noch leben oder tot sind, was man ihnen angetan hat. Fragen, keine Antworten.

August 2016: Nach wie vor ist vieles unklar. Auf unserer Reise durch Mexiko stießen wir immer wieder auf das Verschwinden der 43 Studenten - ihre Geschichte, ihre Gesichter, die Zahl 43.

Die Eltern postulieren: "Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück." - "Vivos se los llevaron, vivos los quermos." Dieser Satz war noch oft zu hören bzw. zu lesen und hat sich ebenso wie die Zahl 43 tief in mein Gedächtnis eingegraben.

© Brigitte_S 24.11.2019