Tim, der mir nie zu nahe trat.

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Es war im Sommer '95. Der Klimawandel schickte seine Vorboten nach Málaga, kaum ein Tag verging, ohne dass das Thermometer einen Wert unter 40 Grad anzeigte, und ich - ich saß Tag für Tag zwischen 9 und 13 Uhr im Sprachkurs der Escuela de Miramar und konjugierte Verben.

Die Zeit, in der Málaga am erträglichsten war, war die Nacht. Es schien mir am vernünftigsten, ebendiese zum Tag zu machen, die Zeit zwischen 9 und 13 Uhr irgendwie zu überleben, bis 21 Uhr zu schlafen um mich dann wieder - umhüllt von lauschigen 32 Grad - ins wahre Leben zu stürzen. Es hätte alles so schön sein können. Doch dann kam Tim.

Tim war ein sehr groß gewachsener Holländer, viel älter als ich, Sprachschüler - jedoch in einer anderen Klasse. Er war noch nicht so weit. Tim war genauso groß wie er stoisch war. Es war schwer, ihm eine Emotion zu entlocken, mit Worten verhielt es sich ähnlich. Wahrscheinlich war es gerade das, was mich anzog. Das vielzitierte Gegenteil eben. Und auf irgendeine, durchaus spezielle Art und Weise, schien Tim sich auch für mich zu interessieren. Und er interessierte sich für Ausflüge. Aller Art. Diese Kombination aus dem Sich-für-mich-interessieren und Gerne-Ausflüge-machen mündete darin, dass Tim mich - in einer täglichen Routine - in seinem Leihwagen irgendwohin schleppte. Nachdem wir in den ersten fünf Tagen die Küste 50 Kilometer nach Norden und 50 km nach Süden abgearbeitet hatten, wagten wir uns an die Erkundung des Hinterlandes. Meine Tagesrhythmus wurde durch eine neue Routine unterbrochen, nämlich die, dass ich mit einer großen Regelmäßigkeit meine nachmittäglichen Ruhestunden gegen einen Trip zu irgendeinem andalusischen Kaff eintauschte. Am Ende der zweiten Woche war ich so erschöpft, dass ich am Abend an der Bar mit offenen Augen am Tresen lehnend schlafen konnte, aber ich wollte weder die Tage noch die Abende mit Tim missen. Was man Tim zugute halten musste, in all der Zeit, war: er ist mir nie zu nahe getreten. Ach, was hätte ich darum gegeben, wäre er mir zu nahe getreten! Aber nein. Und so, ganz Gentleman, gab es am Tag meiner Abreise eine lange Umarmung, einen innigen Blick und zwei Küsse. Auf die Wangen.

Mein Flug nach München ging um 6:30 früh, ich weiß es, als wäre es gestern gewesen. Um 4:00 saß ich im Taxi, um 4:30 mutterseelenallein in der Abflughalle. Ich war traurig, ich vermisste ihn, dachte bei mir: wenn ich lande, ist es wieder gut, dann bin ich in meiner alten Welt, wo ein anderer Holländer auf mich wartete - nur fürs Protokoll. Gerade in dem Moment als ich das denke, öffnet sich die Glastür und da steht er. Mein großer, blonder, braungebrannter Holländer. Ein Moment fürs Leben.

Tim ist mir an diesem Tag, kurz vor 5 Uhr früh, noch immer nicht zu nahe getreten. Aber er hat mir eine selbst bespielte Kassette mitgegeben. Das erste Lied habe ich heute wieder gehört. Este es mi primer día sin verte, este es mi primer día sin ti.... Und dann habe ich diese Geschichte geschrieben.

Wir haben nie wieder voneinander gehört.

© Camerawoman