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Lippenrot auf Lippenrot

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Lippenrot auf Lippenrot | story.one

Im Sommer nach der Matura arbeite ich in einem Hotel im Frühstücksservice. Ein Gast bittet uns, mittags mit ihrem Hund raus zu gehen. Ihr Mann ist gerade gestorben, sie hat Besorgungen zu machen. Ich kenne Gäste samt Hund und natürlich gehe ich mit ihm um den Block.

Der Hund zieht an der Leine wie ein Viertaktmotor. Ich bin froh als wir wieder zurück sind. Um ihm das Halsband abzunehmen, knie ich mich neben ihn und bemerke an seinem Blick, dass etwas nicht stimmt. "Dein Frauchen kommt gleich wieder", erkläre ich ihm und stehe dabei auf. Der Hund springt an mir hoch. Das ist alles, was ich wahrnehme. Die Leine lege ich zurück, wo sie hingehört und sperre hinter mir die Zimmertüre ab. Nach den ersten Schritten am Gang bemerke ich, dass mir Blut über die Brust rinnt. Ich spüre Wärme, keinen Schmerz. Irgendwas stimmt mit meinem Gesicht nicht und ich beeile mich ins Badezimmer zu kommen, um herauszufinden was passiert ist.

Vor dem Spiegel stelle ich fest, dass ich bei geschlossenem Mund meine Zähne sehen kann. Viel mehr erkenne ich nicht, weil alles voller Blut ist. Das war's, mein Freund wird mich verlassen. Eine Kollegin, die meiner Blutspur gefolgt ist, kommt mir zu Hilfe. Sie drückt mir Geschirrtücher ins Gesicht und verständigt die Rettung. Die Sanitäter erkennen, dass ich nicht darauf brenne, genäht zu werden und erzählen mir irgendwas von Kleber, den man auch bei großflächigen Wunden verwendet. Ich sehe ihnen an, für wie wahrscheinlich sie das halten, aber es heitert mich trotzdem ein wenig auf.

Im Spital werde ich zuerst einmal allen Ärzten des Hauses vorgestellt, damit sie so einen Biss im Gesicht mal gesehen haben. Wir warten auf die Turnusärzte von der Unfallchirurgie, die sollen schließlich auch was lernen, sind aber offenbar noch auf Mittagspause.

"Es stört Sie eh nicht, oder?"

"Kein bisschen", sage ich höflich und schlucke dabei etwas Blut.

Die Erste, die im Spital eintrifft, ich warte immer noch auf medizinisch geschultes Publikum, bevor sich jemand erbarmt, ist die Hundehalterin. Sie hält mir Vorträge, dass ihr Hund zuvor erst ein einziges Mal jemanden gebissen hat und wie leid ihr alles tut. Ich tröste sie etwas halbherzig und frage mich langsam, ob ich die Wunde vielleicht selbst nähen sollte. Schließlich kommt der Arzt, der das große Los gezogen hat. Zuerst macht er Heftnähte und als ich glaube, wir haben's jetzt endlich, beginnt er erst mit den richtigen Nähten. Erst wird innen, dann außen genäht und "naja, mal sehen, ob wir das rekonstruieren können. Eher nicht, aber ich versuch's jetzt einfach mal". Super, danke. Ich erfahre von der Herausforderung Lippenrot auf Lippenrot zu stückeln und wäre froh, wenn er stumm arbeiten könnte.

Als ich fertig bin, wartet mein Freund vor der Tür. Er weint. Als er mich sieht, lächelt er. "Hab's viel schlimmer erwartet", sagt er. "Das ist ja gar nichts." Ich lächle auch und werde umgehend vom Arzt ermahnt, den Mund keinesfalls zu bewegen. Gar nicht so einfach. Meinen Freund hab ich geheiratet.

© Carbo 15.09.2020

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