Abschied von Elisabeth

Mittwoch, 1. August 2012

Seit zwei Monaten bin ich fast durchgehend im Krankenhaus, hänge am Tropf der Chemotherapie. Ich bin allein im Zimmer. Möchte auch gern allein bleiben. Allein mit meiner Krankheit. Mit meinen Launen. Mit meinen Gedanken.

Gegen 11 Uhr fliegt plötzlich die Tür auf und man legt DICH ins Bett neben mir. Du bist jung, hübsch, gepeinigt von Schmerzen. Und du sagst nichts. Kannst nicht sprechen. Schreibst alles auf. Es folgen Tage anspruchsvoller nonverbaler Kommunikation. Blicke, Gesten. Ich übersetze und vermittle. Ich möchte dir helfen. Abends stehen wir am Fenster. Nach einem heftigen Gewitter spannt sich ein wunderschöner Regenbogen. Wieder eine lange Nacht. Wieder eine meiner Panikattacken. Du massierst mir sanft die Füße. Mit Händen wie Seide. Als du auf eine andere Station verlegt wirst, schreiben wir uns: "Liebe Elisabeth! Schön, dass wir uns kennen gelernt haben, egal wie schlimm die Umstände waren. Überall lässt sich auch Gutes finden, Gründe, um dankbar zu sein. Ich freu mich auf einen gemeinsamen Drink mit dir, der nicht Glutamin ist. Gruß von Bett zu Bett."

"Liebe Caroline, freue mich auch, dich kennengelernt zu haben! Ich hätte mich nirgends besser erholen können als auf dieser Station und mit dir! Diese schönen Tage kann mir keiner mehr nehmen! Wir machen jetzt beide unsere Therapie fertig und dann sehen wir uns wieder unter ganz anderen Umständen! Ich bin dankbar und schulde dir viel! Elisabeth."

"Um Himmels willen, meine Liebe, was meinst du, mir zu schulden? Ich schulde dir eine Fußmassage. Aber ich befürchte, das kann ich nicht so gut wie du. Bald wirst du von hier weg gehen ohne Abschiedsschmerz. Und dann ist nur noch Genesung angesagt. Von Tag zu Tag besser. Ich freu mich schon, wenn du mich anrufst und mir sagst, dass es dir gut geht. Es wird schön sein, zum ersten Mal deine Stimme zu hören, aber gerade dafür, wie du dein langes Schweigen bewältigt hast, werde ich dich immer bewundern."

Am 27. April 2013 heiratest du. Eine wunderbare Hochzeit. Ein Freudenfest. Auf der Hochzeitsreise in Thailand ist Angst dein ständiger Begleiter. Angst und Vorahnung, dass der große Dämpfer noch kommt. "Aber", schreibst du, "die Stimmung ist natürlich trotzdem die einer frisch verheirateten Frau."

Ich ermahne dich, die Zeit nicht mit Schreiben zu verbringen, sondern damit, dich zu erholen, die Urlaubstage zu genießen, deine Zehen im Sand zu vergraben und die Seele baumeln zu lassen: "Nimm ganz viele schöne Bilder in dich auf und freu dich am Hier und Jetzt. Es kommt sowieso so, wie`s kommt. Alles Gute, Caroline"

Sonntag, 26. Mai 2013: "Sie sagen, dass es unheilbar ist und eine palliative Chemo bis zu meinem Tod. Aber ich gebe nicht auf!"

Hohenems, Dienstag, 4. Februar 2014: "Bin zwar nicht so gut beinander, freu mich aber sehr, wenn du morgen kommst! Super, freu mich!"

Ich werde diese Reise nicht mehr antreten...

Elisabeth verstirbt in der Nacht zum 5. Februar 2014

Danke und…

Ich hab dich lieb! Deine Caroline

© Caroline Kleibel