Alice Djerassi, Carl Schwarzer

  • 369
Alice Djerassi, Carl Schwarzer | story.one

Durch meine Arbeit als Journalistin komme ich ganz nah an Menschen heran. Wenn sich der Text dann auch noch abseits von Tagesaktualität ohne Zeitdruck entwickeln lässt, dann ist das genau Meins.

Gute Vorbereitung ist dabei die halbe Miete und Recherche quasi mein zweiter Vorname. Daten, Zahlen, Fakten. Aber dann im Moment der Begegnung doch auch ganz viel Intuition. Wie weit darf ich gehen, ohne die virtuelle rote Linie zu überschreiten und am Ende gar einen Gesprächsabbruch zu provozieren? Gerade bei Prominenten ist es schwer, Fragen zu stellen, auf die sie nicht wohlpräparierte vorbereitete Antworten haben.

Mein all time Favorit war da Bill Clinton, den ich anlässlich eines Auftritts im Tiroler Ischgl(!) begleiten durfte. Aber auch Berühmtheiten wie Alice Schwarzer oder Carl Djerassi, „Mutter der Pille“, zu begegnen, noch dazu an ein und demselben Wochenende, zählt zu meinen journalistischen Highlights.

Wacher Geist, weißer Bart und ein Leben, gleich einer wechselvollen Trilogie. Vom jüdischen Emigranten, zu einem der bedeutendsten Chemiker weltweit, zum gefeierten Schriftsteller: Carl Djerassi erfindet im Alter von 28 Jahren „die Pille“. Mit 82 erlebt er die österreichische Uraufführung seines Bühnenstücks „Ego“. An einem sonnigen Spätherbsttag treffe ich den Herrn Professor in seiner Hotelsuite an der Kärntnerstraße. Nach einer kurzen Begrüßung kommt er gleich zur Sache und meint, es wollten doch eh alle immer nur dasselbe wissen. Das Gespräch verläuft professionell wenngleich unterkühlt. Emotional wird es erst, als ich ihn auf die Kritik führender Feministinnen an der Pille anspreche, liege doch die Verantortung zur Verhütung damit erst recht wieder allein in Frauenhänden.

Da trifft es sich gut, gleich am nächsten Tag mit Alice Schwarzer zu sprechen. Sie hat einen diffenzierten Blick, meint gar, man müsse Djerassi für seine Verdienste ein Denkmal setzen. Für sie sei die Pille ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation. Die Begegnung mit Frau Schwarzer findet unter kuriosen Umständen statt im Anschluss an eine Lesung aus ihrem Buch „Liebe Alice! Liebe Barbara! Briefe an die beste Freundin“ im Theater an der Josefstadt. Nach Abschluss der Veranstaltung wird sie von zahllosen Verehrerinnen umringt und ich fürchtete schon um meine Chance auf ein persönliches Gespräch. Kurzerhand beordere ich ein Taxi zum Bühnentürl und passe Frau Schwarzer dort ab. Die Kosten, die dabei am Taxometer auflaufen, übernehme ich gern. Schwarzer meistert die ungewöhnliche Situation, im Auto überraschend auf eine Medienvertreterin zu treffen, mit Grandezza. Im persönlichen Gespräch wird schnell klar, dass sie zwar gelassener geworden ist, weniger kämpferisch, aber dass sie sich ihr unabhängiges Denken, ihre scharfe, sarkastische Sicht, ihre Wortgewandtheit durchaus bewahrt hat. Und ihren Witz. Am Ziel, dem Hotel Sacher, angekommen, zupft sie eine Rose aus dem Blumenbouquet und überreicht sie mir.

© Caroline Kleibel 09.06.2020