Alles klar, Frau Kommissar?

Ich träume davon, irgendwann einmal einen Krimi zu schreiben. Ein richtiges Buch, weit über die 2.500 Story One Zeichen hinaus. Meine Ermittlerin ist selbstverständlich eine Frau. Mein Protagonist aber - jetzt nicht lachen - ein Friseur. Immer wieder wundere ich mich, wie offen und freizügig, wie ganz ohne jeden Genierer die Damen beim Haaremachen plaudern. Frisch von der Leber weg. Was früher der Beichtstuhl war, ist heute der Frisierstuhl. Da könnte es doch sein, dass ein gewiefter Figaro eins und eins zusammenzählt und sich aus den wie nebenbei hingeworfenen Gesprächsfetzen seiner Kundinnen ein spannender Krimiplot ergibt…

Recht viel weiter ist meine Idee leider noch nicht gediehen, aber ich hab ja Zeit. Vorerst hole ich mir meine Inspiration beim Lesen und in der Sekundärliteratur.

„Was, du liest Kriminalromane? Das ist doch Schund!“ Das Eingeständnis, bekennender Krimifan zu sein, führt nicht selten zu abschätzigen Mienen und sorgenvollem Stirnrunzeln. Doch aller literaturkritischen Abgesänge und Grabreden zum Trotz - das Genre Mord ist nicht totzukriegen. Besonders Frauen-Krimis genießen Kultstatus. Dass Frauen in diesem Genre wahre Meisterinnen sind, ist keineswegs neu. Bereits im vorigen Jahrhundert gab es zwei englische Autorinnen, die mit ihren Büchern ein Millionenpublikum „fesselten“: Agatha Christie und Dorothy Sayers.

Agatha Christie brachte dabei schon früh das ins Spiel, was heutige Frauenkrimis auszeichnet: Die literarische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Weiblichkeitszuschreibungen.

Krimi-Autorinnen lassen gerne ihren Fantasien von unangepassten Frauen freien Lauf. In der Fiktion wird verwirklicht, was in der Realität verwehrt bleibt. Da werden Heldinnen mit Handlungs- und Bedürfnismöglichkeiten abseits aller weiblichen Klischees ausgestattet. Die Figur einer starken Kommissarin, die selbstbewusst ihre Frau steht, bietet in Sprache und Auftreten reichlich Identifikationspotential. Schon die Tatsache, dass sie sich durch ihre Berufsentscheidung freiwillig mit Gewalt konfrontiert, verstößt gegen die gängige geschlechtsspezifische Sozialisation. Wenn die Damen also zum Mord bitten, geht es dabei weniger um die Darstellung von Gewalt an sich, als vielmehr um das psychologische Drumherum und die Motive dahinter. Grausame Geschichten werden mit einer Leichtigkeit erzählt, mit Humor vielfach, auch wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Das Aufspüren verdeckter Strukturen und nur scheinbar unwesentlicher Nebensächlichkeiten ließe sich beim Haareschneiden ganz wunderbar nebenbei erledigen. Glückliche Zufälle und schöpferisches Denken sind ja oftmals nichts anderes als wildes Raten. Das scheinbar Unmöglichen lässt mehr schaurig-schöne Handlungsspielräume zu, als trockene logische Schlüsse. Und da ist es gleich gar nicht mehr so abwegig, dass sich unsere Mörderin ausgerechnet beim Friseur ihres Vertrauens verplappert.

© Caroline Kleibel